Verabredung mit mir (3)

Etwa die halbe Strecke ist zurückgelegt, der Zug hat sich gefüllt. Immer noch sind Plätze frei, niemand muss stehen.

 Ich mag es, die Menschen im Zug zu beobachten.

Eine ältere Frau lacht mit ihrer Enkelin, einem Mädchen von vielleicht acht Jahren. Die Uhr der Oma zeigt die falsche Zeit, das Kind schaut auf seine eigene rosabunte und hilft beim Stellen.

Eine andere Dame, geschätzt Mitte sechzig, sitzt aufrecht, die Hände auf der dunkelbraunen Handtasche übereinander gelegt, mustert jeden Hereinkommenden durch ihre Goldrandbrille. Als sich ein Mann neben sie setzt, rückt sie kaum merklich näher zum Fenster.

Viele junge Leute sind unterwegs, Schüler, Studenten. Es ist Samstag, Zeit fürs Bummeln in der Stadt. Eine Dreiergruppe Schülerinnen diskutiert über Auslandssemester und Sprachprobleme. Über die Schwierigkeiten, nach einem halben Jahr wieder in den normalen Unterricht einzusteigen. Andere haben das Handy in der Hand, einen Knopf im Ohr und lassen sich von Musik berieseln, tippen auf den Tasten oder dem Display, schauen kaum auf, geschweige denn aus dem Fenster.

Wie oft mögen sie diese Strecke fahren? Für mich ein seltenes „Erlebnis“, das ich auskoste. Für sie wahrscheinlich eine regelmäßige Geschichte, uninteressant weil bekannt. Wie nehme ich Dinge wahr, die für mich Alltag sind?

Die kleinen Ortschaften liegen hinter uns, Kiefernwald breitet sich auf beiden Seiten der Bahnstecke, dazwischen laublose Buchen, ein paar Häuser, alles flach. Firmengelände weiten sich aus, Lagerschuppen, Kräne, Silos, eingerüstete Neubauten, Ziegelgebäude voller Graffity. Alt und neu, verlassen und aktiv, alles dicht nebeneinander. In der Ferne tauchen die Spitzen des Kölner Doms auf. Nur noch ein paar Minuten, dann bin ich dort.

Advertisements

2 Gedanken zu “Verabredung mit mir (3)

  1. „Wie nehme ich Dinge wahr, die für mich Alltag sind?“
    Das ist eine gute Frage, liebe Uta. Wer weiß, welche interessanten und/oder auch schönen Dinge es in unserem Leben gibt, die wir nicht mehr wahrnehmen, weil sie für uns Normalität geworden sind.

    Liebe Grüße,
    Martina

    1. wenn wir uns das ab und zu bewusst machen, sehen wir unseren Alltag sicher mit anderen Augen
      und der Fotoapparat hilft auch, die Umwelt wahrzunehmen, finde ich

      lieben Gruß
      Uta

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s