Auf der Stelle (1)

Vor ganz langer Zeit hatte ich einen Text begonnen aber nicht weitergeschrieben; jetzt habe ich mich drangemacht, weil er zum Thema „Aufbruch“ passt. Heute gibt’s den Anfang, morgen dann den zweiten Teil.

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„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“

Die Kellnerin hinter der Theke sah zu dem Mann hinüber, der seine Hände um ein leeres Bierglas gelegt hatte. Er schüttelte den Kopf.

„Vielleicht später.“

Sie seufzte und wischte mit einem Lappen den Edelstahl unter den Zapfhähnen ab. Aus dem Augenwinkel musterte sie den Gast, der sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt hatte.

Er mochte Mitte Vierzig sein, eventuell auch ein paar Jahre älter. Sein braunes Haar war von grauen Strähnen durchzogen und für ihren Geschmack zu lang. Ein ordentlicher Schnitt könnte nicht schaden, dachte sie. Er trug einen blauen Pullover und eine Jeans, die schon bessere Tage gesehen hatte. Eindeutig abgewetzt, nicht modisch ausgewaschen, damit kannte sie sich aus. Ihr siebzehnjähriger Sohn hatte klare Vorstellungen, wann etwas tragbar und wann uncool war. Und abgewetzt war absolut uncool.

Die Kellnerin sah flüchtig auf ihre Armbanduhr, während sie die sauberen Gläser in das Regal hinter der Theke räumte. Erst halb sechs. Und der Kerl hockte hier schon eine Stunde. Mal sehen, wie lange er heute blieb.

Der Mann schob mit den Fingerspitzen das Bierglas auf der Tischplatte hin und her, malte Muster mit der Flüssigkeit, die sich unter dem Glasboden gesammelt hatte. Er fuhr mit dem Zeigefinger über den Glasrand, kreiste mit sanftem Druck, bis ein leiser Ton erklang, fast wie der einer Geige. Erschrocken zog er den Finger zurück. Dann setzte er erneut an, fand den richtigen Druck, die richtige Geschwindigkeit, um das Glas singen zu lassen.

Die Kellnerin beobachtete ihn, das wusste er. Ob sie ihn für verrückt hielt? Da saß er in einem Gasthaus vor einem leeren Bierglas und rieb seinen Finger am Rand. Saß hier und schlug die Zeit tot.

Noch war er der einzige Gast. Ein einzelner Mann an einem Holztisch im Gasthaus „Zu den vier Winden“. Ein poetischer Name. Der Schankraum war allerdings alles andere als poetisch. Die Wände nikotingelb, Deckenlampen, durch deren matte Glasschalen man tote Fliegen zählen konnte, und der Spiegel hinter der Theke voll trüber Altersflecke.

Aber das Bier war gut und die Bedienung unaufdringlich.

„Noch ein Helles, bitte“, rief er und hielt sein leeres Bierglas hoch.

 Fortsetzung folgt

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6 Gedanken zu “Auf der Stelle (1)

  1. Ah, mit Perspektivwechsel. Ich bin gespannt wie es weitergeht, liebe Uta. Noch kann man ja nicht viel sagen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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