Wie überall (Teil 1)

Als ich vom Einkaufen zurückkam, saß sie immer noch zusammengesunken auf der Parkbank. Fußgänger hasteten an ihr vorbei, ein Radfahrer fuhr beinahe über ihren Mantel, keiner beachtete sie.
Die Kleine hatte den Kopf gesenkt, ihre Haare fielen als schwerer Vorhang fast bis auf den Boden und schimmerten rötlich in der Nachmittagssonne. Auch der Mantel glänzte seidig, die Farbe changierte in allen Tönen des Regenbogens. Oder war das ein Umhang? Seltsam gekleidet war sie, als ob sie aus einer Theatergruppe oder aus dem Zirkus käme. Ich konnte mir die
zierliche Gestalt gut auf dem Drahtseil vorstellen oder am Trapez. Luftig, schoss es mir durch den Kopf, luftig sah sie aus. Und doch hingen ihre Schultern, als lastete das Gewicht eines Elefanten darauf.
Ich ging zur Parkbank und setzte mich neben die Kleine.
„Hallo, fehlt dir etwas? Hast du dich verlaufen?“
Sie hob den Kopf und starrte mich mit uralten Augen an.
„Verzeihen Sie“, stammelte ich. „Ich dachte … ich meinte … Sie wären ein Kind. Also …“ Was redete ich für einen Blödsinn.
Ihr Blick hielt meinen fest mit einer Kraft, die im Gegensatz stand zu der Müdigkeit, die ihre ganze Gestalt ausstrahlte. Ihre nachtblauen Pupillen öffneten Meerestiefen.
„Verzeihen Sie“, wiederholte ich, „ich wollte Sie nicht belästigen.“
„Du, bleib beim Du“, bat sie. „Das ist nicht so einsam.“
Ich schluckte und nickte.
„Du siehst mich“, stellte sie fest. „Du bist wohl die Einzige, die mich sieht.“
Ihre Stimme erinnerte an das leise Klingen eines Glockenspiels.
„Die anderen sind wohl zu sehr in Eile“, sagte ich.
„Nein, du verstehst mich falsch.“ Sie schüttelte den Kopf und ihr Haar schwebte einen Moment lang wie eine Wolke um ihr schmales Gesicht. Blühten hier irgendwo Maiglöckchen?
„Es ist normal, dass sie mich nicht sehen. Ich bin eine Fee und für Menschen unsichtbar. Eigentlich.“ Sie seufzte.
„Entweder bist du eine ganz besondere Menschin“ – ich schüttelte abwehrend den Kopf – „oder ich bin wirklich am Ende.“
Sie ließ den Kopf wieder sinken und ihre Schultern zuckten. Unter dem Haarvorhang flinkerte es silbern, flüssige Perlen tropften auf den Boden.
Ich fühlte mich hilflos und dumm. Neben mir auf der Bank weinte dieses Wesen still vor sich hin und ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Vorsichtig legte ich eine Hand auf ihren Unterarm. Sie ließ es geschehen.
Was hatte ich in englischen Romanen gelesen? In solchen Fällen bereitet man eine Tasse starken, süßen Tee zu und sorgt dafür, dass er so heiß wie möglich getrunken wird. Ich schlug der Fee – oder was immer sie war – vor, mit zu  mir nach Hause zu kommen, nur zwei Minuten zu Fuß und wir wären da. Sie murmelte etwas, das ich als Zustimmung wertete, ließ sich von mir auf die Füße ziehen und schlurfte erschöpft neben mir her. Ihr Umhang – oder waren das Flügel? – schleifte über den staubigen Asphalt.

(Fortsetzung folgt)

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8 Gedanken zu “Wie überall (Teil 1)

  1. märchenhaft! wahrhaft märchenhaft.
    ich bin sehr auf die fortsetzung gespannt, uta. hoffentlich schreibst du sie bald.

    lieben gruß,
    kathrin

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