Wie überall (Teil 2)

(Fortsetzung)

Sie hockte am Küchentisch und schaute mir zu, wie ich Teeblätter abmaß, Wasser zum Kochen brachte und den Tee aufgoss.
„Zwei Minuten ziehen, dann wirkt er anregend“, erklärte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte.
Ich stellte den dampfenden Becher vor ihr auf den Tisch und setzte mich.
„Danke.“ Sie fasste ihn mit beiden Händen, wie um sich zu wärmen, schnupperte und nippte ganz vorsichtig.
„Ich bin keine richtige Fee.“
Also war sie doch nicht verrückt.
„Ich kann keine Wünsche mehr erfüllen. Ich kann’s einfach nicht mehr.“
Sie sah mich tieftraurig an und ich wusste plötzlich: Alles, was sie sagt, ist wahr.
„Ich kann nicht mehr.“
Sie blies vorsichtig über den Tee, nippte erneut und stellte den Becher ab.
„Früher war das alles kein Problem. Du bekamst einen Auftrag, flogst zu deinem Kunden, erklärtest ihm in Ruhe, wie das mit dem Wünschen funktioniert. Was immer er dir auftrug wurde erledigt. Mal ging es um ein neues Auto, ein Schmuckstück für die Freundin oder um eine gute Bewertung beim Chef. Alles kein Problem.“
Sie trank einen Schluck, bevor sie leiser weiter sprach.
„Früher hatten wir Zeit, uns um unsere Kunden zu kümmern, verstehst du? Aber dann wurde es immer hektischer.“
„Wie überall“, warf ich ein.
„Wir bekamen Zeitlimits gesetzt, mussten pro Tag so und so viele Wünsche erfüllen. Akkordarbeit. Immer mehr Menschen hatten immer mehr Wünsche. Nur wir wurden nicht mehr. Kein Nachwuchs im Feenjob.“ Sie zog eine Grimasse. „Wer will schon unter solchen Bedingungen arbeiten?“
„Wie überall“, wiederholte ich und wartete, bis sie den Tee ausgetrunken und den Becher abgestellt hatte.
„Es begann schleichend.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Mein Flugtempo ließ nach, ich verwechselte Wünsche, schließlich konnte ich nicht mal mehr den Zauberstab heben. Und jetzt hocke ich hier in deiner Küche, schlürfe Tee und bin zu nichts nütze.“
Sie ließ die Hände in den Schoß fallen und schlug mit der Stirn auf die Tischplatte.
„Nichts nütze“, nuschelte sie und weinte hemmungslos, dass sich auf dem Laminat eine silbrige Pfütze bildete.
Irgendwann wurde sie still und ich hielt ihr ein Taschentuch hin. Sie putzte sich die Nase und lächelte kläglich.
„Danke für den Tee und für’s Zuhören. Ich geh dann mal wieder.“
Sie stand auf und faltete ihre Flügel zusammen.
„Halt!“ Ich packte ihre Schulter. „So geht das nicht.“
Ich drückte sie sanft zurück auf den Stuhl.
„Du kannst jetzt nicht gehen. Was du brauchst ist Ruhe, Abstand. Im Fernsehen habe ich letztens eine Sendung gesehen, da ging es um Arbeitsüberlastung. Was du hast ist ein klassischer Burn-out. Der kann anscheinend jeden treffen.“
Die Fee sah mich an und schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, mich doch nicht.“ Pause. „Oder doch?“
Ich zuckte mit den Schultern. Was wusste ich schon über Feen. Konrad war da sicher kompetenter.
„Ich habe einen Freund, der kann dir vielleicht helfen. Wir fragen ihn morgen. Du bleibst am besten hier, kannst im Gästezimmer wohnen.“
Sie zögerte, dann gab sie nach.
„Und wenn es mir wieder besser geht, dann hast du auf jeden Fall drei Wünsche frei.“

* * * Ende * * *

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9 Gedanken zu “Wie überall (Teil 2)

  1. Das ist wie im richtigen Leben. Erschöpfung und Burnout machen vor niemandem halt.
    Eine schöne Geschichte, die zum Nachdenken und besseren Aufpassen anregt.

    Mit lieben Grüßen
    Anna-Lena

  2. Liebe Uta,

    dir ist eine ganz wunderbare Umsetzung der Nebenwirkungen unserer schnelllebigen Welt gelungen. Danke für diese – trotz des enrsten Hintergrundes – zauberhafte Geschichte!

    Vorhin habe ich durch die Nachrichten erfahren, dass es inzwischen 100.000 Betroffene gibt, die Dunkelziffer ist aber sicher höher …

    Alles Liebe
    Anna

    1. immer mehr Druck wird aufgebaut, immer mehr setzen wir uns auch selber unter Druck – kein Wunder, dass immer mehr Menschen ausbrennen

      danke für das Lob, Anna

  3. Liebe Uta,

    das ist eine zauberhafte Geschichte. Trotz – oder gerade wegen? – des ernsten Hintergrundes.

    Es spiegelt die Krankheit wieder, an der unsere Gesellschaft/Welt leidet und dass Burnout vor Keinem halt macht.

    Von Anfang an war ich richtig neugierig weiterzulesen. So geheimnisvoll. Wunderbar. 🙂
    Eine Fee mit Burnout… was für eine Idee. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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