Wurzeln schlagen

hier kommt die Geschichte vom Schreibwettbewerb „Ins Blaue“ / „Bleiben“:

„Geduld“, sagte Silke und strich dem jungen Walnussbaum über die glatte Rinde. „Um diese Jahreszeit braucht es Geduld im Bergischen. Warte mit dem Austrieb. Du weißt, die Fröste können jederzeit zurückkommen, es ist erst April.“
Sie dachte an die vergangenen Jahre, an das Grün der frischen Blätter, so zart und verwundbar. Die Eisheiligen zogen in jedem Mai durch den Garten und hinterließen welkes Schwarzbraun. Der Baum hatte Mühe, sich von diesem Schock zu erholen, neue Triebe in die milder werdende Luft zu strecken. Langsam, ganz langsam wuchs er, wurde kräftiger, trieb seine Pfahlwurzel in den steinigen Boden, krallte sich an der Grauwacke fest. Im letzten Frühjahr – von Spätfrösten verschont – blühte er zum ersten Mal. Lange Kätzchen tanzten im Wind, gaben hauchfeinen Pollen frei, der die Stempel der winzigen Blüten bestäubte. Im Herbst dann die ersten Walnüsse, nur eine Hand voll, die Silke am Fuß des Baumes einsammelte, bevor die Eichhörnchen sie stibitzen konnten.
Silke lächelte. Ähnlich wie die Walnuss war auch sie ins Bergische Land verpflanzt worden. Das Leben, der Beruf hatten sie aus südlicherer Gegend in diesen herben Landstrich geweht, von dem andere behaupten, es regne hier ständig. Sie schaute zum Himmel, an dem Flugzeuge weiße Muster ins Blau malten.
Natürlich war das Klima rauer als in einer Weinbauregion, waren die Sommer kühler, die Winter länger und Schnee keine überraschende Ausnahme. Natürlich war die Vegetation eine andere, Wälder und Weiden breiteten sich an den Hängen, Felder gab es wenige und empfindliche Gewächse suchte man vergebens in dieser Landschaft. Aber wenn im Frühling die Schlüsselblumen und Buschwindröschen am Bach aufblühten, wenn Löwenzahn gelbe Flecken auf die Wiesen malte und die wilden Kirschbäume am Hang gegenüber weiße Wolken zwischen die kahlen Buchen zauberten, waren Kälte und Dunkelheit des Winters vergessen. Silke strich noch mal über den Walnussstamm und schlenderte weiter.
Sie und ihr Mann hatten lange gesucht, hatten endlich dieses alte Haus gefunden am Dorfrand mit dem großzügigen Garten. Sie hatten Ruhe gefunden und Freiheit, Abstand zum Lärm der Stadt und Luft zum Atmen. Immer, wenn Freunde aus der „alten Heimat“ zu Besuch kamen, hieß es: „Ihr wohnt ja da, wo andere Urlaub machen.“
Und dann folgte prompt die Frage: „Wie sind denn die Leute so?“
Silke schmunzelte. Vor dem Umzug waren sie gewarnt worden. Die Oberberger seien ein stures Volk, unzugänglich, mit denen käme man nur schwer in Kontakt. Auf dem Dorf sei das besonders schlimm und dazugehören würde man erst, wenn die Familie schon seit Generationen dort lebte.
Silke hatte die Unkenrufe mit einem „Das werden wir sehen.“ quittiert und beschlossen, die Einheimischen mit Offenheit und guter Laune für sich zu gewinnen.
Die Einheimischen machten es ihr dann leichter als sie gedacht hatte. Nachbarn hießen die Neuen mit einem Korb voller Pflanzen willkommen und nach wenigen Wochen war der Gartenzaun zum Kommunikationszentrum geworden. Silke wurde nicht müde nachzufragen, wenn sie keine Ahnung hatte, wer „der alte Müller“ war oder was ein „Knippchen“ sein sollte. Und die Nachbarn erklärten genau so unermüdlich.
Silkes Blick streifte die Straße entlang. In dem Fachwerkhaus mit den grünen Schlagläden und dem verschieferten Giebel lebte die Familie, deren Hund vor Jahren einen flüchtenden Dieb gestellt und festgehalten hatte, bis der Dorfpolizist – auch ein Nachbar – ihn abführte. Ein Stück weiter stand das Haus des Installateurs, der ihre Heizung betreute, und daneben wohnte die Frau, die ihr die Steuererklärung machte. Dafür half sie deren Sohn bei den Mathematikaufgaben, damit er ein gutes Zeugnis für die Bewerbungen bekam.
Das Dorf – ein Mikrokosmos, in den man eintauchen konnte, der einen aufnahm und assimilierte. Das Bergische war eine arme, eine sehr arme Gegend gewesen mit sumpfigen Tälern und kargen Böden, die den Menschen nur ein geringes Auskommen boten. Jeder war auf den anderen angewiesen, das hatte die Menschen anscheinend geprägt. Man kennt sich, man hilft sich. Neubaugebiete und viele Zugezogene weichten diese alten Strukturen auf, aber wer sich auf die anderen einließ, dem kamen sie entgegen.
Silke hatte ihren Rundgang im Garten beendet und stand wieder neben dem Walnussbaum. Sie löste den Riemen, mit dem er an den Stützpfahl gebunden war, und zog den Pfahl aus dem Boden. Der Baum brauchte ihn nicht mehr, er war inzwischen fest verwurzelt.

© U.L., April 2011

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10 Gedanken zu “Wurzeln schlagen

  1. Angemessen ist er der erste Preis, liebe Uta, für diese bezaubernde Geschichte ums Wurzelnschagen. Ich freue mich von Herzen mit dir 🙂

    Herzlichen Glückwunsch!

    Alles Liebe
    Anna

  2. Eine wunderbare Geschichte mit autobiografischen Zügen (?).

    Sie erinnert mich an unseren Umzug von der Stadt aufs Land und die eigenen Bemühungen, hier in der ehem. DDR, die ich kaum kannte, Wurzeln zu schlagen. Ich habe es nicht einen Tag bereut 🙂
    Und irgendwann war es da, das Gefühl angekommen und verwurzelt zu sein.

    Liebe Grüße und ein gutes Ankommen nach eurem Urlaub,
    Anna-Lena

    1. ja, ich habe natürlich Eigenes mit einfließen lassen
      ich habe mir überlegt: warum bleibe ich im Bergischen, was gefällt mir so gut an unserem Dorf
      vielleicht ist der Text deshalb so gut angekommen

      lieben Gruß
      Uta

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