Kalt

Ich habe da etwas ausgegraben und überarbeitet, was gut zum Thema „Tür und Tor“ passt.

* * * * *

Mir ist kalt. Wusste gar nicht, dass mir so kalt sein kann. Meine Zähne klappern nicht mehr. Das Kiefergelenk scheint schon eingefroren.
Kann meine Finger kaum noch bewegen. Zeitlupe. Nicht mehr lange, und sie brechen wie ein morsches Stück Holz, wollte ich sie mit Gewalt biegen.
Ich werde immer müder. Bald spüre ich die Kälte nicht mehr. Bald spüre ich überhaupt nichts mehr.
Wenigstens habe ich Licht hier im Kühlraum. Die Birne flackert, aber sie brennt.
Und die Gesellschaft zweier Schweinehälften. Sonst ist niemand im Haus. Außer mir und der verdammten Katze. Hannas Katze.

Hanna hat gesagt, sie fährt ihre Schwester besuchen. Erzählen kann sie mir viel.
Ich weiß, dass sie zu ihm fährt. Zu ihm, dessen Brief in meiner Hosentasche knistert, wenn ich mich bewege. Solange ich mich noch bewegen kann. Hätte ich diesen Brief nicht gefunden, säße ich jetzt nicht hier wie ein Eisblock.
Hätte – wäre – könnte. Konjunktive. Möglichkeitsformen. Die Wirklichkeit ist Indikativ. Hart, kalt und tödlich.
In vier Wochen hätten Hanna und ich unseren zehnten Hochzeitstag. Schon wieder ein Konjunktiv. Nach Feiern war mir nicht zumute, als ich den Brief von Hartmut – wer zum Teufel ist Hartmut – unter der Kommode fand. Er muss aus ihrer Tasche gerutscht sein, so wie mein Schlüssel mir aus der Tasche rutschte und unter das wurmstichige Erbstück ihres Vaters.
Hartmut unterstütze sie in ihrem Entschluss, sich von mir zu trennen, schreibt er. Sich von mir trennen. Nicht von der Metzgerei. Auch so ein Erbstück. Ich bin ja nur eingeheiratet. Geduldet sozusagen. Die Zeit, die Arbeit und Kraft, die ich hineingesteckt habe, das alles zählt nicht. Immer noch heißt es „Metzgerei Hennemann“. Jetzt wird es nie „Metzgerei Plauen“ heißen.
Mein Name sollte in beleuchteten Buchstaben über dem Schaufenster prangen. Nach einer angemessenen Trauerzeit versteht sich. Das Leben und das Geschäft müssen schließlich weitergehen.

Nichts geht mehr. Und alles nur wegen der aufdringlichen Katze. Das Vieh hat mich nie gemocht.
Dabei wäre alles so einfach gewesen.
Der Sicherheitshebel an der Innenseite der Tür war schon länger defekt. Einmal zugefallen lässt sich die Stahltür des Kühlraums nur von außen öffnen. Ich hatte Hanna versprochen, ihn zu reparieren. Immer wieder versprochen. Gut, dass ich es nicht getan habe, dachte ich vor drei Tagen, als ich den Brief fand. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich, meine Frau zu töten.
Morgen wird sie von ihrer Schwester – ha, von ihrem Liebhaber! – zurück kommen. Morgen hätte sie Bestandsaufnahme im Kühlraum gemacht. Die Tür wäre zugefallen, keiner hätte sie vermisst.
Denn ich, ich wäre morgen bis zum Wochenende auf eine Metzgertagung gefahren. Drei Tage hätten gereicht. Auf jeden Fall.

Warum bin ich nochmal in den Kühlraum gegangen? Ich weiß es nicht mehr. Mein Gehirn friert auch schon ein.
Wie lange hocke ich jetzt neben der Tür? Keine Ahnung. Verdammte Stahltür. Verdammter Sicherheitshebel.
Ich hatte die Tür festgeklemmt. Da bin ich mir ganz sicher. Dann strich Hannas Katze am Türrahmen entlang. Hat sie den Holzkeil gelöst? Zufall oder Absicht? Können Katzen das? Die Tür fiel zu. So schnell, dass ich sie nicht halten konnte.
Warum war die Katze eigentlich da? Hatte Hanna sie nicht mitgenommen?
Hanna! Hört mich niemand? Die Lippen sind zusammengefroren.
Hanna! Warum geht das Licht aus?
Hanna!

© U.L., September 2007

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3 Gedanken zu “Kalt

  1. Ein Meisterwerk! =)))
    Es hat unglaublich Spaß gemacht diese Türengeschichte zu lesen – heute habe ich bestimmt so eine Art „fiesen Tag“ ;o)

    Dank für´s teilhaben lassen und ein schönes Wochenende
    Un Sourire

  2. Oh Uta, was für eine fiese Geschichte.

    Selbst schuld, Herr Metzger ;-(((

    Deine kriminellen Ideen möchte ich haben, Uta *g

    Super geschrieben!

    Lieben Gruß – Gisi

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