14. Dezember


 

Zeitdiebe

 

Warum hatte sie das nicht schon früher erkannt? Sie schaute sich im Arbeitszimmer um.
Dass sich Kabel im Dunkeln hemmungslos verknoteten wie ein Knäul junge Schlangen, war ja bekannt. Aber dass sie die anderen Dinge aufhetzten, das wurde ihr erst jetzt bewusst.
All die Bücher, die Notizzettel und Stifte, die Aktenmappen und Papierberge, sie türmten sich bunt gemischt auf dem Schreibtisch, in Regalen und Rollcontainern. Sie flüsterten die Verschwörung von Zimmer zu Zimmer.
In der Küche drängelten sich Geschirr und Gläser, Vorräte und Küchenhelfer hinter verschlossenen Schranktüren. Das Schlafzimmer wurde von Pulloverstapeln, Hemdenreihen und Schubkästen voller Socken regiert und im Wohnzimmer sah es nur auf den ersten Blick besser aus.
Sie kam sich vor wie Gulliver im Lande Lilliput. Gefesselt. Bewegungsunfähig. Hilflos. Obwohl sie doch viel größer und stärker sein sollte als die Dinge um sie herum. Aber es waren unzählige, sie hatte kaum eine Chance.
Jedes schrie nach ihrer Aufmerksamkeit. Putz mich. Räum mich auf. Sortier mich. Leg mich ordentlich ab. Kaum glaubte sie ihre Runde durch die Wohnung beendet, jammerte es erneut. Wasch mich. Bügel mich. Gieß mich. Sie sank erschöpft auf einen Stuhl.
Die Dinge umzingelten sie, tanzten im Kreis, sangen: Steh auf, du hast keine Zeit. Keine Zeit. Keine Zeit.
Schluss jetzt !
Sie fuhr hoch. Hatte sie diese Worte gerade gebrüllt? Sie rieb sich die Augen. Sie musste eingenickt sein am Schreibtisch.
Schluss jetzt ! wiederholte sie leise. Ich mache euch den Garaus, ihr Zeitdiebe. Jeden einzelnen von euch könnte ich in Schach halten. Aber ihr seid einfach zu viele. Und das Schlimmste: Die meisten von euch brauche ich gar nicht. Warum seid ihr also noch hier? Macht euch breit in meiner Zeit, dass ich selber kaum noch hinein passe. Ich kündige euch, ich setze euch vor die Tür. Und ich fange gleich damit an.
Sie streckte den Rücken, kreiste mit den Schultern und rückte den Papierkorb zurecht. Dann griff sie nach dem ersten Blatt auf dem Papierstapel zu ihrer Linken.
Und morgen war die Küche dran.

 

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Ein Gedanke zu “14. Dezember

  1. Das hätte fast von mir sein können, liebe Uta. 😳 Irgendwie wächst mir ständig alles über den Kopf. Zurzeit auch wieder. Ist man mit einer Sache fertig, ruft die nächste und dann geht es wieder von vorne los. Nur dass ich es gar nicht erst bis zu Ende schaffe. Da fehlte es mir noch immer oft an Kraft. Also lasse ich die Dinge manchmal einfach rufen und rufe zurück „ihr müsst leider warten“. 🙂

    Schön geschrieben, Uta.

    Liebe Grüße,
    Martina

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