Mondnacht (1)

„Wie hat er das nur gemacht? Das Licht reicht einfach nicht aus!“
Klaus Vogel knallte das Palettmesser auf den kleinen Tisch neben der Staffelei und starrte den Mond an. So hell die Moorfläche vor ihm leuchtete, seine Leinwand lag im Schatten und Farbnuancen von Ultramarin, Indigo und Violett waren nicht auseinanderzuhalten. Die Birkenstämme in seinem Bild wirkten grob und das Strahlen, das Carl Vinnen scheinbar mühelos seiner „Mondnacht“ verliehen hatte, wollte sich bei Vogels Versuch nicht einstellen.
Vogels Blick wanderte über die Weiden. Das Teufelsmoor war zahm geworden. In den schmalen Kanälen glitzerte das Wasser bräunlich, ein spärlicher Hinweis auf die Torfschichten, die hier unter Gras und Binsen verborgen lagen. Vogel nahm im Augenwinkel eine Bewegung wahr und drehte den Kopf.
War das Hinrichs auf seinem Fahrrad? Er hatte ihn doch eben erst zum Anleger Neu-Helgoland radeln sehen. Vogel schaute auf seine Uhr. Schon halb zwölf, also war fast eine Stunde vergangen seitdem. So lange hatte er an seinem Bild herumgestümpert, und was war dabei herausgekommen? Schluss für heute, Pinsel und Farben ins Atelier geräumt und morgen ein neuer Versuch die nächtliche Stimmung einzufangen – bei Tageslicht.
Vogel fixierte die Birken am Graben, um sich die Szenerie einzuprägen. Die Zweige wurden langsam kahl, silberner Glanz am Stamm, tiefe Schatten auf der mondabgewandten Seite. Vogel seufzte und schloss die Tür hinter sich.

* * *

„Hinrichs ist tot!“
Elke Sievert, Vogels Nachbarin aus den Künstlerhäusern, stand atemlos vor ihm auf der Wiese.
„Hinrichs vom Kunstverein ist tot.“, wiederholte sie, weil Vogel sie verständnislos ansah. „Sie haben ihn heute früh aus der Hamme gezogen. Er trieb neben den Torfkähnen, hatte sich mit einem Fuß in den Leinen verfangen.“ Elke schüttelte sich. „Die Polizei hat alles abgesperrt. Die Kripo aus Osterholz ist auch schon da. Irgendwer hat was von Mord gesagt.“
„Mord?“ Vogel wirkte immer noch abwesend. Er sah auf seine Leinwand, auf der die Birken langsam Gestalt annahmen, sah zu Elke, ins Moor und wieder auf seine Nachbarin.
„Ich hab ihn doch gesehen. Gestern Abend. Als er heimgefahren ist.“
Elke zog verblüfft die linke Augenbraue hoch.
„Gestern Abend? Wann?“
„Gegen halb zwölf. Ich wollte meine Sachen gerade einpacken …“
„Du hast mitten in der Nacht hier draußen gemalt?“
„Versucht hab ich’s. War aber nichts. Also habe ich eingepackt.“
„Und er ist hier vorbei gekommen?“
„Sag ich doch. Um halb zwölf mit dem Fahrrad in Richtung Bahnhof.“
„Dann muss er später nochmal zum Anleger gefahren sein. Aber was wollte er da?“
Der Kies in der Einfahrt knirschte, zwei Autotüren schlugen und die Polizeibeamten aus Osterholz kamen über den Rasen.
Nach der üblichen Vorstellung sagte der Kommissar:
„Sie haben vielleicht schon gehört, dass Herr Hinrichs tot am Anleger gefunden wurde.“
Die beiden Künstler nickten.
„Wir haben eindeutige Hinweise auf Fremdverschulden. Unfall, Totschlag, Mord – zur Zeit steht alles im Raum. Haben Sie irgendetwas gesehen oder gehört, das uns weiterhelfen kann?“
Vogel und seine Nachbarin schauten sich an, dann sagte Vogel:
„Ich habe ihn gesehen. Gestern Abend gegen halb zwölf. Er radelte zurück ins Dorf. Ich hatte gerade mein Malzeug zusammengepackt und wollte reingehen, als …“
„Sie haben mitten in der Nacht draußen gemalt?“ Der Kommissar runzelte ungläubig die Stirn. Elke kicherte.
„Ich wollte den Vollmond nutzen.“ Vogel spürte, wie schwach seine Erklärung klang.
Der Kommissar sah seinen Kollegen an, der zuckte mit den Schultern. Künstler eben. Kann man nicht ernst nehmen.
„Sind Sie sicher, dass es Hinrichs war?“
Vogel nickte. „Seine Silhouette zeichnete sich deutlich ab vor der mondhellen Moorfläche. Er trug Cape und Kapitänsmütze, wie immer.“
„Wie gut kannten Sie Hinrichs? Hatte er Feinde?“
Vogel zögerte und Elke platzte heraus:
„Bestimmt! Ich weiß, man soll über Tote nicht schlecht reden. Aber Hinrichs war ein Kotzbrocken. Mischte sich in alles ein. Fühlte sich wichtig als zweiter Vorsitzender des Kunstvereins. Versuchte jeden zu einer ‚Spende‘ zu bewegen. Versprach dafür Kontakte und Ausstellungsmöglichkeiten. Mich hat er sogar regelrecht angemacht. Widerlich! Ich habe ihn hochkant rausgeworfen.“
Elke hatte Vogels warnende Räusperer geflissentlich überhört und sich in Rage geredet. Als sie den interessierten Blick des Kommissars bemerkte, brach sie abrupt ab und wurde rot. Der Kommissar grinste und wandte sich wieder an Vogel.
„Und Sie? Hat er Sie auch um Geld angegangen?“
„Ja, mehrmals. Ich habe ihn ignoriert. Ich bin hier, um zwei Monate lang in Worpswede zu arbeiten. Kontakte und Ausstellungsmöglichkeiten – dafür bin ich nicht auf ihn angewiesen.“
Die Beamten machten sich Notizen und verabschiedeten sich.
„Haben wir uns jetzt verdächtig gemacht?“ Elke schmunzelte. „Egal, ich gehe zurück an meine Töpferscheibe.“
Vogel sah ihr nach, dann griff er wieder zum Pinsel.

* * *

(Fortsetzung folgt)

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