Mondnacht (2)

„Die Lammkeule ist butterzart.“ Elke leckte sich die Lippen, legte das Besteck zur Seite und nahm einen großen Schluck Bier aus ihrem Krug.
„Sag mal, hast du irgendwas gehört? Hinrichs ist jetzt seit drei Tagen tot.“
Vogel schüttelte den Kopf.
„Der Wagen vom Kommissar steht immer mal wieder im Dorf, aber was die so treiben … Wahrscheinlich befragen sie alle, die mit Hinrichs zu tun hatten. Und das sind ja nicht gerade wenige.“
Vogel schob die Reste seines Gemüsepfannkuchens in den Mund, kaute und spülte mit Weißwein nach.
„Mir ist da etwas Seltsames eingefallen. Keine Ahnung, ob das was mit Hinrichs Tod zu tun hat.“
Elke rutschte auf ihrem Stuhl nach vorne. „Erzähl!“
„Ich war bei Brüning. Er hatte mich gefragt, ob ich bei einer Gemeinschaftsausstellung im Alten Rathaus mitmachen will.“
„Mit Brünings verqueren Werken möchte ich aber nicht die Galeriewände teilen!“
„Ging ja nicht nur um Brüning, aber er organisiert das Ganze. Also bin ich in sein Atelier geschneit. Und habe ihn anscheinend erschreckt. Jedenfalls hat er blitzschnell das Bild zugehängt, das auf der Staffelei stand.“
„So gruselig?“, feixte Elke.
„Ich habe fast nichts erkennen können. Aber das Bisschen sah gar nicht nach ihm aus. Nichts von Schwarz und Braun. Leuchtende Farben, eher so Brücke-mäßig, wenn du weißt, was ich meine.“
Elke hörte auf zu grinsen. „Die zwei Gesichter des Heribert Brüning? Meinst du, er macht da was, so auf der Commercial-Schiene? Bilder zum Geldverdienen? Irgendwie muss er sich seinen Lebensstil ja leisten können.“
„Ich habe nicht darüber nachgedacht. Schließlich hatten wir ja ein anderes Thema. Aber inzwischen kommt mir das schon seltsam vor.“
„Steuerhinterziehung!“, bestimmte Elke. „Er malt im Auftrag, kassiert ordentlich Kohle und streicht alles schwarz ein. Bestimmt ist ihm Hinrichs drauf gekommen.“
„Du liest zu viele Krimis, Elke.“
„Na, das würde aber zu unserem Kunstvereinsbonzen passen. Kleine Erpressung bringt sicher mehr als die Spenden, die er von uns gerne gesehen hätte.“
Sie stach mit ihrer Gabel in die letzte Bratenscheibe, als müsste sie das Tier erst noch erlegen, schnitt ein ordentliches Stück Fleisch ab und schob es in den Mund. Sie kaute, zog die Stirn in Falten, dann lächelte sie plötzlich.
„Weißt du was“, nuschelte sie mit vollem Mund, „wir stellen ihm eine Falle.“
„Wem?“
„Brüning natürlich.“
„Du spinnst!“ Vogel ließ sich nach hinten fallen, die Lehne seines Stuhl knarrte bedenklich. „Das ist doch pure Spekulation. Und selbst wenn, dann ist das Sache der Polizei.“
„Hast du die Blicke der Beamten letztens gesehen? Die nehmen uns doch sowieso nicht für voll. Also müssen wir handfeste Beweise haben.“
Elke begann, verschiedene Möglichkeiten auszuspinnen. Vogel resignierte. Wenn sie nicht davon abzuhalten war, musste er wohl oder übel mitspielen.

* * *

„Ich wusste, Sie würden kommen.“
Vogel versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Brüning lehnte neben ihm am Brückengeländer.
„Das heißt überhaupt nichts. Ich war einfach gespannt, was Sie von mir wollen.“
„Hinrichs.“ Vogel warf den Namen aus wie einen Wurm am Angelhaken. Er bekam langsam Spaß an diesem Spiel.
„Und?“ Brüning kannte anscheinend die Regeln.
„Hinrichs wusste zu viel“ Das nächste Bröckchen, nun beiß schon an.
„Neugier ist ungesund.“ War das eine Drohung?
„Manchmal mischt der Zufall mit. Zur rechten Zeit am rechten Ort.“ Vogel hasste diese Gemeinplätze, aber hier passten sie.
„Oder zur falschen.“ Brüning drehte sich um. In seiner Hand glänzte ein kurzer Schlagstock. Vogel nahm Licht und Schatten an den Kanten wahr, überlegte kurz, mit welchen Farben er das Material angemessen wiedergeben könnte, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

* * *

(Fortsetzung folgt)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s