Die Erfindung des Lebens

Ein wortloser Junge lebt mit der stummen Mutter und dem Vater, einem Vermessungsingenieur, in einer Etagenwohnung in Köln. Die Eltern verloren während des Zweiten Weltkrieges und danach vier Söhne, der Grund für das Verstummen der Mutter. Und weil sie nicht spricht, spricht auch der Junge nicht. Aber er beobachtet, beobachtet seine Umwelt sehr genau und registriert all die Feinheiten, die anderen vielleicht entgehen.
Als er in die Schule kommt, beginnt für Johannes ein regelrechtes Spießrutenlaufen. Der Außenseiter wird für dumm und geistig unterlegen angesehen und wegen seiner Andersartigkeit gequält.
Eines Tages entdeckt er seine Liebe zum Klavierspiel und seine Fähigkeiten, mit Klängen umzugehen. Doch noch immer spricht er nicht. Der Vater beschließt nun, seinen Sohn mithilfe der Natur zu den Worten, zur Sprache zu führen.

Dass er mit diesem Projekt Erfolg gehabt hat, ist von Anfang an klar, denn Johannes ist der Ich-Erzähler des Romans, der Biograph dieser spannenden Entwicklungsgeschichte. Und Johannes ist das Alter Ego des Autors Hanns-Josef Ortheil, der seine eigene Geschichte hier wortgewandt verarbeitet.

Zuerst war ich skeptisch, ob ich die knapp 600 Seiten durchhalten würde. Aber das Buch hat mich schnell gefesselt und ich war froh, dass ich es im Urlaub zu lesen begonnen hatte. Denn ich wollte es nicht mehr aus der Hand legen. Wollte wissen, wie der kleine Johannes aufwächst, wie er zu sprechen lernt, wie er Pianist wird und diesen Beruf aufgeben muss, wie er die Wechselfälle seines Lebens meistert.

Hanns-Josef Ortheil unterrichtet (unter anderem) als Professor an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben und hat hier die Sprachfindung ins Zentrum eines Romans gestellt, Sprache als Mittel, die Welt zu erkunden und zu begreifen.
Wer also Zeit hat für dieses Buch, sollte sich mitnehmen lassen nach Köln, aufs Land, nach Rom, mitnehmen lassen auf dem Weg vom stummen Jungen zum sprachmächtigen Erwachsenen.

Hanns-Josef Ortheil:
Die Erfindung des Lebens

München: btb Verlag 2011 (11,99 €)

 

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9 Gedanken zu “Die Erfindung des Lebens

  1. Durch Zufall fand ich dein Blog, wo mich diese Buchrezension gleich ansprach. Ich bin dabei, Ortheils Buch zu lesen und es gefällt mir so sehr, dass ich sicher noch weitere von ihm lesen werde. Danke für den Tipp.

      1. Es ist ein wunderbares Buch, das ich behalten werde (größtes Kompliment, das ich einem Buch machen kann).

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