O wie Ochse

Heute will ich eine Geschichte einstellen, die schon einige Jahre alt ist. Ich hoffe, die meisten von euch kennen sie noch nicht.

 
Im Stall

„Nun schau dir an, was sie für ein Aufheben von diesem kleinen Schreihals machen.“
Der Esel schlackerte unwillig mit den Ohren. „Sie werfen unser Futter einfach aus der Krippe und legen den Knaben hinein.“
„Sollte man nicht meinen, dass erwachsene Menschen ein Lumpenbündel im Stroh behandeln wie den Thronfolger von Judäa.“
Der Ochse schnaubte sanft und Wölkchen stiegen in die kühle Luft im Stall.
„Ich kann nichts Außergewöhnliches an dem Kleinen erkennen. Er hat zwei Hände mit zehn Fingern, zwei Füße mit zehn Zehen. Einen nackten Kopf hat er wie die meisten Babys. Nur dieses Leuchten, das habe ich noch nie gesehen.“
Der Esel beugte seinen Kopf und zupfte Heu vom Boden. Er kaute nachdenklich eine Weile und auch der Ochse schwieg.

„Dass dieses Paar sich keine anständige Herberge gesucht hat“, fing der Esel wieder an.
„Hättest du die zwei aufgenommen?“, fragte der Ochse. „Sie hochschwanger mit einem Mann, der ihr Vater sein könnte. Und Geld scheinen sie nicht gerade im Überfluss zu haben. Außerdem sind die Herbergen in Bethlehem ja alle voll bis unter die Dachbalken. Eine wahre Völkerwanderung.“
„Aber die sind nicht alle wegen des Sterns hier, oder?“
„Natürlich nicht. Volkszählung, Steuerschätzung, Beamtenkram eben.“
Der Ochse schlug mit seinem Huf auf den Boden und das Baby fing erschreckt an zu weinen. Die Mutter steichelte es tröstend und es schlief wieder ein.

„Wonach riecht es denn plötzlich?“ Der Esel sog die Luft durch seine Nüstern ein. „Irgendwie würzig-muffig. Eigenartig.“
„Ja, genauso eigenartig wie die drei, die anscheinend auch noch einen Schlafplatz suchen.“ Der Ochse brummelte etwas wie „Überfüllung“ und drehte sich zur Seite.
Im Eingang des Stalles standen drei hoch gewachsene Männer in edlen Gewändern. Sie verneigten sich vor der Krippe und streckten ihre Arme aus.
„Ich glaube, die wollen dem Kleinen etwas zum Geburtstag schenken“, vermutete der Esel und machte neugierig einen Schritt auf die Menschen zu.
„Schau doch mal, wie das glänzt. Das ist Gold. Und harzige Klumpen haben sie mitgebracht. Aus der einen Schüssel steigt Rauch auf. Der riecht so seltsam. Mir wird ganz schwindelig.“
Der Esel taumelte zurück und stieß gegen den Ochsen.
„Was ist das draußen für ein Lärm?“, wollte der nun wissen. „Wer kommt denn noch alles?“
„Viel kann ich nicht erkennen, aber sie sehen aus wie Hirten. Und sie singen und heben die Hände zum Himmel.“
Der Esel stupste den Ochsen vorsichtig mit der Schnauze in die Flanke.
„Komm, lass uns mitsingen. Ich glaube, der Kleine in unserer Krippe ist wirklich etwas Besonderes.“

 

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2 Gedanken zu “O wie Ochse

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