Der Zwei-Stunden-Kuchen

Morgen ist der vierte Freitag im Monat, morgen ist „Treffpunkt Kaffeetafel“. Heute wird also gebacken für die Runde munterer Seniorinnen, die sich freuen, den Nachmittag fröhlich plaudernd zu verbringen und dabei mit Kaffee und Kuchen bewirtet zu werden.
Früher habe ich jedes Wochenende einen Kuchen gezaubert, mal einen Käsekuchen, mal eine Biskuitrolle, Puddingstreusel oder Donauwellen. Hin und wieder Buttercremetorte. Ich liebe Buttercreme, liebe es, wenn sie richtig süß und schwer ist mit einem Hauch Frucht in der untersten Schicht.
Inzwischen ist das Backen seltener geworden. Nicht wegen der Kalorien. Die finden mich auch auf anderen Wegen. Es lohnt einfach nicht, wenn man zu zweit ist. Die Kaffeetafel ist eine gute Gelegenheit, nicht aus der Übung zu kommen. Und wenn etwas übrig bleibt, können wir das am Sonntag genießen.

Seit fast zwei Wochen ist Winter, Schnee und Eis, grauer Himmel und bittere Kälte am Morgen. Mein Fahrrad steht wohl verwahrt in der Garage, eingekauft wird nur einmal in der Woche mit dem Auto. Und beim letzten Einkauf habe ich an alles gedacht, nur nicht ans Backen.
Ich stehe in der Küche und grübele: Was geben Kühlschrank und Vorratskammer her für einen Kuchen, den ich den verwöhnten Damen anbieten kann?
Mehl, Zucker, Eier, Margarine und Butter – alles da für einen ordentlichen Teig und für Streusel. Ein Päckchen Quark – zu wenig für einen Käsekuchen. Äpfel – das wäre lecker. Aber welche Variante soll es werden? Ich blättere in meiner Rezeptsammlung und stoße auf Apfel-Riesling-Kuchen. Eine angefangene Flasche trockener Weißwein harrt im Kühlschrank auf Verwendung, das passt.

Zeit habe ich, muss mich nicht eilen. Eile ist nicht gut, wenn man backen möchte. In Eile passieren Fehler. Zucker wird mit Salz verwechselt, die Eier landen beim Aufschlagen auf dem Boden, der Herd wird auf die falsche Temperatur eingestellt. Ich denke lieber nicht weiter darüber nach.
Ich bereite in aller Ruhe einen Mürbeteig zu. Mehl, Zucker, Margarine und Ei verkneten und in den Kühlschrank legen. Dann die Streusel, ebenfalls kurz kneten und in den kühl stellen. Zu Bröseln rühre ich sie nachher mit dem Mixer.
Ich schäle die Äpfel einen nach dem anderen, schneide sie in Viertel, die Kerngehäuse heraus und alles in dünne Scheibchen.
Und jetzt die Weincreme. Der Riesling wird erhitzt und mit dem angerührten Puddingpulver und reichlich Zucker zum Kochen gebracht. Die Creme wirft Blasen wie ein Schlammgeysir, der gleich ausbrechen will, und wird durchscheinend. Ich gebe die Apfelstücke dazu und ziehe den Topf vom Herd.
Der Mürbeteig lässt sich gut ausrollen, ich kleide eine Springform mit ihm aus, ziehe den Teig am Rand hoch. Die Apfel-Riesling-Masse ergießt sich aus dem Topf und breitet sich zwischen den Teigwänden aus. Zum Schluss krümele ich die Streusel auf die Oberfläche, schön gleichmäßig verteilt.

Der Backofen ist auf Temperatur, ich öffne die Tür, hebe die Form hoch und stelle sie auf den Rost. Will sie auf den Rost stellen. Sie schwebt halb im Ofen, halb noch über der aufgeklappten Ofentür, da löst sich der Boden der Springform unter dem Gewicht der Füllung. Ich halte den Rand in der Hand, während sich Teig, Äpfel, Rieslingcreme und Streusel im Ofen ausbreiten. Ein leichtes Karamellaroma zieht in meine Nase, als ich hektisch den Ofen ausschalte. Ich fluche. Fluche laut und heftig. Schimpfe mit der blöden Backform, mit mir, mit der Welt. Dabei versuche ich so schnell wie möglich, die Sauerei auszuräumen und die Äpfel zu retten.

Ich erspare euch die Details, nur so viel: Rieslingcreme ist verdammt glitschig und klebt wie Tapetenkleister.
Die Apfelstücke landen in einem Sieb und werden unter fließendem Wasser von matschigen Teigresten befreit. Die nächste Viertelstunde verbringe ich damit, die Küche wieder arbeitsfähig zu machen. Und überlege fieberhaft, was jetzt aus dem Kuchenprojekt wird. Zutaten für Mürbeteig habe ich noch, aber der Wein ist alle. Da fällt mir ein altes Rezept von meiner Oma ein.
Neuer Mürbeteig, neues Puddingpulver. Dieses Mal mit Milch gekocht. Äpfel und Pudding mischen. Eischnee schlagen und Crème fraîche unterrühren (bei Oma war’s noch saure Sahne).
Aber worin backen? Die Unglücks-Backform rühre ich garantiert nicht mehr an. Ich finde meine Obstkuchenform, etwas größer im Durchmesser als die Springform, dafür mit flacherem, schrägen Rand. Überzeugender Vorteil: Sie besteht aus einem Stück.
Backpapier her, Teig ausrollen, Füllung rein, Eischnee-Sahne-Guss darüber und ab in den Ofen. Tief durchatmen. Und nicht vergessen, den Kurzzeitwecker zu stellen.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir: Ich habe geschlagene zwei Stunden damit verbracht, einen simplen Apfelkuchen zu machen.

 

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4 Gedanken zu “Der Zwei-Stunden-Kuchen

  1. Oh je, du Arme! jetzt habe ich beim Lesen die Luft angehalten, vor Schreck!
    Ich dachte, sowas passiert nur mir. Wenn es drauf ankommt, kann ich die einfachsten Sachen vergeigen. Ich hätte spontan gar nichts zum Backen im Haus. Es wird eh alles schlecht, weil es bei vielen Sachen keine Singlegrößen gibt.
    Aber auch hier beweist du deine Kreativität, liebe Uta – Chapeau!

    ..grüßt dich Monika

    1. einen Schreck wollte ich dir aber nicht einjagen, Monika
      und was die Vorräte angeht: ich neige dazu, immer mal wieder zu viel im Haus zu haben und muss dann auch beim Zwei-Personen-Haushalt aufpassen

      lieben Gruß
      Uta

  2. Oh je, was für ein Ärger, liebe Uta. Da hätte ich aber auch laut geschimpft. Wie ein Rohrspatz. Ob ich da noch Lust zum Backen gehabt hätte… ich glaube nicht. 🙂

    Herzliche Grüße,
    Martina

    1. ich hätte auch am liebsten dem Backofen den Rücken zugedreht
      aber am nächsten Tag wurde der Kuchen ja erwartet – also musste ich da durch 😉

      lieben Gruß
      Uta

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