Spurensuche (1): Aachen

Mein halbes Leben dort,
mein halbes Leben fort von dir.
In mir ein buntes Sammelsurium an Bildern.
Dazu Düfte, Klänge.
Wenn es gelänge, sie zu schildern.

Blick vom Lousberg auf die Stadt, die ihren Dom gebaut mit Teufels Hilfe.
Sagen Sagen.
Die erzählen, wie er um den Lohn betrogen, weil man eine Wölfin durch die Tore schickte.
Ihre Pinienzapfen-Seele riss er an sich, fluchte, schlug die Tür und klemmte seinen Daumen. Noch zu spüren, wenn man an der rechten Stelle tastet.
Seine Rache: Einen großen Sack voll Sand vom Meer, ganz Aachen zuzuschütten.
Einem alten Weib ist es zu danken, dass der Plan durchkreuzt, der Sack kurz vor der Stadt zurückgelassen.
In seinem Innern birgt der Lousberg Muschelschalen.

Beim Gang durch mittelalterschmale Gassen Printendüfte. In Schaufenstern die braunen Rechtecke aus zähem Teig und Würze.
Als Kind war mir am liebsten die Prinzess, mit Zuckerguss lasiert.
Der Krümelkandis knackt bei jedem Biss, Anis und Koriander, Zimt, Piment und Nelken schmecken heute noch nach Heimat.

Als Kind die Nase platt gedrückt am Schaufenster des „Eulenspiegel“. Alter Laden, vollgestopft mit Niespulver und Luftballons, bunten Masken und Perücken.
Und dann gab’s den kleinen Gummi-Hundehaufen und das Furzkissen, das ich der Tante unterjubeln wollte.

Quietschend die Gelenke der Figuren dort am Puppenbrunnen in der Krämerstraße. Pferd und Reiter, Marktfrau und Prälat, Professor, Modepüppchen, Harlekin. Sie alle stehen für die Stadt. Und Menschen stehen, drehen an den Armen, an den Beinen, neigen Bronzeköpfe, lachen.

Lachen, Masken, Karneval, die Auszeit in der Stadt. Ein Lindwurm zieht für Stunden durch die Straßen, laut bejubelt von den Massen, die an seinen Seiten winken, Arme recken, um Kamellen einzustecken, die der Lindwurm unablässig speit.

Die Gedanken wandern durch die Jahre.
Bild für Bild zieht eins das and’re nach und Stimmen klingen mir im Ohr.
Mein halbes Leben dort,
mein halbes Leben fort von dir.
Und spür‘ doch immer wieder: Du gehörst zu mir.

 
* * * * *

 
Der Text ist entstanden auf Anregung unserer „Sommeraufgabe“ der SchreibWerkstatt. Es ging um das Thema „Heimat“ mit der Frage: Woher kommst du?

 

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2 Gedanken zu “Spurensuche (1): Aachen

  1. Liebe Uta,

    du sprichst mir aus der Seele:

    „Mein halbes Leben dort,
    mein halbes Leben fort von dir.
    Und spür’ doch immer wieder: Du gehörst zu mir.“

    Ähnlich empfinde ich es auch mit meinem Heimatdorf. Und es ist bei mir nun auch ca die erste Hälfte meines bisherigen Lebens dort – in Trier – gelebt, die andere Hälfte hier in NRW. Oft empfinde ich es als ein „zwischen den Stühlen sitzen“, besonders nach einem heimatlichen Besuch, frage mich, wohin gehör ich denn nun … und gebe mir sofort selbst die Antwort darauf: beide Orte gehören zu mir, haben mich geprägt, missen will ich keinen davon 😉 .

    Liebe Grüße,
    von Wally

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