4. Dezember

Die verschwundene Weihnachtsglocke (1)

„Die Glocke ist weg!“
Der Wichtel stürmte in die Backstube, dass die Schwingtür hinter ihm auf und zu klappte wie die Flügel eines aufgeregten Engels.
„Die Glocke ist weg!“
Er blieb abrupt stehen, hochrote Wangen, gesträubter Bart, und schaute in die Runde der Backwichtel. Die hatten alles fallen gelassen, was sie in Händen hielten, Rührlöffel, Ausstechförmchen, Teigklumpen, und starrten ihn an. Eine Mehlwolke schwebte über den Tischen.
„Was heißt weg, Wiegolf?“ Der Oberküchenwichtel fand als erster die Sprache wieder, strich mit den Händen über seine Schürze und zog die Stirn in Falten.
„Weg, einfach weg“, stammelte Wiegolf. „Ich wollte sie putzen, weil doch am Samstag Nikolaustag ist. Aber sie war nicht in ihrer Vitrine. Sie ist weg.“ Er schniefte.
„Und du hast nach ihr gesucht?“
Wiegolf nickte. „Überall. In den Schubladen, auf dem Schrank, hinter den Vorhängen, in jeder Ecke der Kammer. Sie ist weg.“
„Und außerhalb der Kammer?“
Wiegolf riss die Augen auf.
„Außerhalb? Aber sie ist nie außerhalb. Nur am Nikolaustag und an Weihnachten.“
Der Oberküchenwichtel schüttelte nachsichtig den Kopf.
„Wenn sie nicht in der Kammer ist, muss sie außerhalb sein. Du musst weiter suchen.“
Er drehte sich um, klatschte in die Hände. „Los, los, an die Arbeit, ihr Wichtel. Es gibt viel zu tun.“
Wiegolf schniefte noch einmal und schlurfte mit hängenden Schultern aus der Backstube.
Wo sollte er die Weihnachtsglocke suchen? Der Wichtelhof war riesig, denn hier wurde an allem gearbeitet, was man für die Adventszeit so brauchte. In der Backstube produzierten Backwichtel Christstollen, Lebkuchen und Plätzchen. In der Glasbläserei stellten Zwerge Glaskugeln und gläsernen Christbaumschmuck her. In der Tischlerei arbeiteten Holzwichtel an Weihnachtspyramiden, Lichterbögen und geschnitzten Figuren. Und in der Gartenabteilung banden Elfen Kränze und dekorierten sie mit dem, was der Wald ihnen schenkte. Die Kerzenzieherei, die Kartenmanufaktur, die Punschbrauerei, das alles konnte Wiegolf nicht alleine durchkämmen.
„Kann ich dir helfen?“ Elisa, die Organisations-Elfe schwebte leise flirrend eine Hand breit über dem Fliesenboden.
Wiegolf staunte wie immer über ihre Leichtigkeit und darüber, dass sie Gedanken lesen konnte.
„Wir müssen die Glocke suchen.“
Elisa flatterte nervös auf und ab.
„Heißt das, die Glocke ist nicht, wo sie sein sollte? Das ist ja schrecklich!“
Wiegolf nickte.
„Wann hast du sie zuletzt gesehen?“
Wiegolf grübelte eine Weile, konnte sich aber nicht erinnern.
„Es ist so selbstverständlich, dass sie immer da ist.“
Elisa strich ihm tröstend über die Zipfelmütze.
„Ich trommele alle Hilfswichtel zusammen. Wenn die Glocke irgendwo auf dem Hof ist, werden wir sie finden.“

(Fortsetzung folgt)

Donnerstags-Geschichten – ich möchte mit dieser Rubrik wieder ins regelmäßige Erzählen starten. Immer donnerstags. Auf die Fortsetzung müsst ihr also ein paar Tage warten.

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3 Gedanken zu “4. Dezember

  1. Schön, dass Du wieder erzählst. Freu mich drauf.

    Und Wichtel sind sowieso prima 😉

    La Loup souriante

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