11. Dezember

Die verschwundene Weihnachtsglocke (2)

„Und das sagt ihr mir erst jetzt?“
Waltram, der Oberhofwichtel, donnerte mit beiden Fäusten auf seinen Eichenschreibtisch. Der Federkiel im Tintenfass hüpfte, Papierbögen segelten auf den Boden. Waltram kümmerte sich nicht darum.
„Warum bin ich nicht sofort informiert worden, dass die Weihnachtsglocke unauffindbar ist?“ Er blickte von Wiegolf zu Elisa und zurück, die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich.
Wiegolf öffnete den Mund, schloss ihn wieder und zog den Kopf ein. Elisa legte ihm die Hand auf die Schulter und schwebte ganz ruhig vor Waltram.
„Unauffindbar ist sie ja erst jetzt“, erklärte sie. „Jetzt, nachdem wir den ganzen Hof abgesucht haben. Vorher war sie nur nicht an ihrem Platz.“
Sie landete und sah Waltram geradewegs in die Augen.
„Mir ist klar, wie dramatisch die Situation ist. Schließlich sind es nur noch knapp drei Wochen bis Weihnachten. Leider haben wir keine Ahnung, seit wann die Glocke verschwunden ist. Das macht die Suche so schwierig. Wenn nicht unmöglich.“
„Unmöglich?“ Waltram lief rot an. „Nichts ist unmöglich.“
Wieder schlug er mit der Faust auf den Tisch. Das Tintenfass kippte um und die nachtblaue Tinte malte eine Sternenpfütze auf das helle Eichenholz.
Waltram schnaubte, doch Elisa schnippte nur mit dem Finger und die Tinte zog sich ins Fass zurück, als hätte man einen Film rückwärts laufen lassen.
„Die Hilfswichtel haben den ganzen Hof durchkämmt, sämtliche Werkstätten, haben mit allen Wichteln, Zwergen und Elfen gesprochen. Keiner hat die Glocke gesehen.“
Waltram kratzte sich am Hinterkopf und schob dabei seine Zipfelmütze übers linke Ohr.
„Mir fällt da etwas ein. In der Nacht zum ersten Dezember war ich in der Kammer, weil ich die Adventskalenderuhr aufgezogen habe. Der Mond schien durch das Fenster und ich erinnere mich, dass die Sterne auf der Glocke geglitzert haben. Da muss sie also noch in der Vitrine gewesen sein.“ Er hob die Augenbrauen. „Das grenzt den Zeitraum ein, um den wir uns kümmern müssen.“
Elisa applaudierte leise und Wiegolf seufzte erleichtert.
„Dann kann es kein Fremder gewesen sein“, sagte er. „Nach dem 30. November war keiner von auswärts auf dem Hof. Und alle Wichtel, Zwerge und Elfen hatten Ausgangssperre wegen der Adventsarbeit.“
„Aber dann muss die Glocke doch noch hier sein.“ Waltram rückte seine Zipfelmütze gerade und lehnte sich vor. „Irgendwo muss sie sein. Irgendwo auf dem Hof.“
Elisa nickte. „Auch wenn wir sie nicht gefunden haben, sie muss da sein.“
Eine verzwickte Situation. Die drei schwiegen eine Weile, weil alles gesagt war.
Schließlich räuspere sich Waltram.
„Es gibt nur eine Lösung. Wir müssen IHN holen.“
Elisa bekam große Augen. Wiegolf sah verständnislos zwischen der Elfe und dem Oberhofwichtel hin und her.
„Wen holen?“
„Den Schrat“, sagte Elisa und Waltram nickte. „Holmes, den Schrat.“

(Fortsetzung folgt.)

 

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