12. Dezember

Muße muss sein

Ich sitze am Schreibtisch, die Füße hochgelegt, nippe an meiner Teetasse und schaue mir an, welche Muster einige Gegenstände bei Lampenlicht auf die Wand zeichnen.
Ich mache sonst nichts. Ich denke an nichts Besonderes, geschweige denn über etwas nach. Ich habe Muße.

Mir fällt Loriots Knollnasen-Herr ein, der im Wohnzimmer im Sessel sitzt und dessen Frau geschäftig in der Küche hin und her läuft und fragt, was er denn mache. Und die ihn dort nicht einfach sitzen lassen kann, sondern ihn ständig dazu bringen will, etwas Sinnvolles zu tun.

Heutzutage ist unsere Zeit meist minutiös verplant. Nicht nur die Arbeitszeit, auch die Freizeit wird getaktet. Wir versuchen so viel wie möglich in den Tag zu packen, um unsere Zeit optimal zu nutzen. Leerlauf ist verschwendete Zeit, ist Vergeudung und damit negativ.
Die Arbeitswelt, die Kommunikation, alles ist schneller geworden. Eigentlich sollten wir mehr Zeit übrig haben als früher. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Ruhephasen werden immer seltener, so dass wir verlernen, uns Auszeiten zu gönnen. Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir eine Weile nichts tun, das als nützlich gilt. Und wir haben so viele Möglichkeiten, was wir machen könnten, dass wir von einem zum anderen hetzen, um nur ja keine der ach so tollen Optionen zu verlieren.

Mit all dieser Geschäftigkeit überlasten wir uns, machen uns selber jede Menge Stress.
Unmengen an Ratgebern sind auf dem Markt, die uns zeigen wollen, wie wir unser Leben durch die richtige Organisation in den Griff bekommen. Anscheinend funktioniert das aber nicht, sonst würden nicht immer neue Modelle an den Start gehen.

Inzwischen werden Stimmen laut, dass wir uns nicht besser organisieren müssen sondern anders. Der schöne alte Begriff „Muße“ taucht wieder in der Diskussion auf.
Wir brauchen Muße, also Zeit, die wir ohne Plan im Hier und Jetzt verbringen. Dabei können wir uns dem Nichtstun hingeben oder der Beschäftigung mit etwas, zu dem wir Lust haben, ohne über Sinn und Zweck dieser Tätigkeit nachzudenken. Selbstbestimmtheit und Hingabe gehören zur Muße. Muße lässt uns bei uns selber sein, fährt unser Tempo runter, sorgt für Regeneration.

In diesem Sinne nutze ich die Adventszeit. Ich lerne, mir Muße zu gönnen. Ich erlaube mir, mich mit Strickzeug oder Basteleien zu beschäftigen, obwohl der Keller aufgeräumt oder die Schränke ausgemistet werden müssten. Vielleicht kommt der Moment, an dem ich das Aufräumen oder Ausmisten als Muße empfinde, weil ich Lust dazu habe und mich ganz darauf einlassen mag. Dann ist es gut so.

Und wenn nicht?
Dann sitze ich am Schreibtisch, die Füße hochgelegt, nippe an meiner Teetasse und schaue mir an, welche Muster einige Gegenstände bei Lampenlicht auf die Wand zeichnen.

 

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4 Gedanken zu “12. Dezember

  1. Da rennst du bei mir offene Türen ein. Wie schön passend gut formuliert, ich habe, auch mit drei Kindern und voll im Beruf stehend, täglich mindestens eine halbe Stunde für das Nichtstun mit mir alleine gebraucht und drauf bestanden. Jetzt darf ich drin schwelgen. Und manchmal einfach nur sitzen, noch nicht mal am Tee nippen…
    Gruß von Sonja

  2. Habe mich gerade so richtig meiner Muse hingegeben und grad schön wars : )
    Deine Aquarelle gefallen mir sehr.
    Lieben Gruß. Angela

  3. Ich gebe Dir voll und ganz recht!! Man muss sich auch mal eine Pause gönnen und sich ganz dem Nichtstun hingeben.. auch wenn es schwer fällt zwischen Job, Kinder, Haus.
    Bei mir ist meine Ruhephase das Schreiben.. hier kann ich meine Gedanken sammeln und es macht mir auch gar keine Mühe, nur großen Spass.. sozusagen eingeschränktes Nichtstun..ähem.. grins schief!! Genieß Deinen Tee und hab‘ eine schöne besinnliche Adventszeit! Herzlichst, Nicole

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