18. Dezember

Die verschwundene Weihnachtsglocke (3)

„Vielen Dank, Holmes, dass Sie sich zu uns bemüht haben.“
Waltram trat hinter seinem Schreibtisch hervor und streckte die rechte Hand aus.
Der Schrat nickte kurz und musterte zuerst den Oberhofwichtel, dann Elisa und Wiegolf. Sein Blick glitt scheinbar flüchtig durch den Raum, bevor er wieder Waltram fixierte.
„Ich danke Ihnen. Ihr kleines Rätsel bietet mir ein wenig Zerstreuung in dieser stillen Zeit. Die grauen Zellen brauchen hin und wieder Arbeit.“
Er hob die Nase, die Wiegolf an eine Gurke erinnerte, und schnupperte.
„Ich nehme gerne einen Zimttee und dazu ein oder zwei Ihrer Lieblingstrüffel; ich mag die weißen auch sehr“, sagte der Schrat und setzte sich in den Sessel vor dem Schreibtisch.
Die Zimmertür wurde geöffnet und ein Küchenwichtel trug ein Tablett mit Kanne, Teetassen und einer Bonbonniere herein.
„Wo … Woher wussten Sie?“ Wiegolf starrte den Schrat mit großen Augen an. Dieser lächelte schmal.
„Der Schritt des Wichtels war schon von weitem zu hören und der Zimtduft unverkennbar.“
„Aber die Trüffel?“ Elisa staunte ebenfalls.
„Ach, ein heller, fettiger Fleck auf dem Jackenärmel, dazu die Krümel neben dem Tintenfass, eindeutig Schokolade. Und als Oberhofwichtel wird sich Waltram nicht mit weniger als einer hochwertigen Praline zufriedengeben.“
Er nahm die angebotene Teetasse und nippte daran.
„Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Weihnachtsglocke verschwunden. Warum ist das ein so großes Problem?“
Waltram räusperte sich.
„Ohne Glocke kein Weihnachten. Mit der Glocke wird der heilige Abend eingeläutet. Und der Klang der Weihnachtsglocke dringt von hier in die ganze Welt und lässt alle anderen Glocken ebenfalls läuten. Nur so wissen die Menschen, dass das Versprechen erfüllt ist.“
Der Schrat setzte die Tasse mit einer schwungvollen Bewegung ab und erhob sich.
„Gut, dann wollen wir keine Zeit verlieren. Fangen wir mit der Kammer an.“

„In dieser Vitrine sollte die Weihnachtsglocke also liegen? Und du bist für ihre Pflege zuständig?“ Holmes sah zu Wiegolf hinunter, er war mindestens zwei Köpfe größer als der Wichtel. Wiegolf nickte und wurde rot.
„Ich putze sie, bevor sie benutzt wird. Sie soll glänzen, dann klingt sie am besten.“
„Und als du sie vor zwei Tagen polieren wolltest, war sie nicht da. Welche Fakten haben wir sonst noch?“
„In der Nacht zum ersten Dezember war sie an ihrem Platz. In den nächsten Tagen hat keiner den Hof besucht und keiner hat ihn verlassen. Und trotzdem ist die Glocke verschwunden.“
Elisa, die Organisations-Elfe, erläuterte kurz die vergebliche Suchaktion.
„Ich möchte den kompletten Hof sehen, jeden Raum, jede Werkstatt, jeden Wichtel, jeden Zwerg und jede Elfe. Ich muss mir ein Bild machen.“
Der Schrat drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Kammer. Waltram, Wiegolf und Elisa folgten ihm, als er mit weit ausholenden Schritten den Flur entlang marschierte. Er öffnete rechts und links die Türen, musterte manche Räume nur kurz, andere betrat er und schaute den arbeitenden Wichteln und Zwergen auf die Finger, fragte ab und zu etwas, grunzte „schön, schön“ und war schon wieder draußen. So ging das von Gebäude zu Gebäude. Elisa flog stoisch neben ihm, Waltram und Wiegolf keuchten hinterher.

(Fortsetzung folgt)

 

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