Winterzauber (1)

Hella zog die Haustür hinter sich zu, drehte den Schlüssel zweimal um und steckte ihn in die Jackentasche. Sie rückte die Mütze zurecht, zupfte am regenbogenbunten Schal und atmete die kalte Winterluft ein.
Die Sonne stand knapp über den Hügeln, Schleierwolken dämpften ihren Schein. Aus den Schneeresten am Straßenrand sickerte Tauwasser. Erst dieses wilde Flockengestöber, dann der trübe Regen. So schnell, wie ihre Welt weiß geworden war, wurde sie nun wieder grau und braun. Egal, sie brauchte frische Luft und Bewegung.

Hella marschierte los, die Straße hinunter, dann links und hinter der Siedlung weiter Richtung Wald.
Sie mochte den Anblick der kahlen Bäume, der dunklen Silhouetten, die so unterschiedlich waren, die schlanken Buchen, die knorrigen Eichen, die filigranen Birken. An den Hainbuchenhecken zitterten trockene Blätter im Wind, sie würden erst fallen, wenn die Knospen im Frühjahr austrieben. Hella liebte Laubgehölze, ihren Wandel im Jahreslauf, das Knospen, das frische Grün, gefolgt von kräftigen Sommerfarben, die im Herbst in leuchtendes Gelb und Rot übergingen, bevor der Winter sie verblassen ließ. Sie liebte es, durch den Wald zu gehen, den Blick mal nach oben, meist nach unten gerichtet. Sie suchte den Boden unter den Bäumen ab, sammelte hier ein paar Zapfen, dort ein bizarr geformtes Holzstück, fand rostige Zahnräder und blanke Glasscherben. Ohne einen Beutel ging sie nie aus dem Haus.

Hella hatte den Waldrand erreicht, die Straße gabelte sich. Der rechte Zweig verlief im Bogen durch die Wiesen zum Nachbardorf, schimmerte feucht in der Nachmittagssonne. Hella wandte sich nach links. Die Bäume zeichneten Muster auf den Asphalt. Irgendwo in der Höhe krächzte eine Krähe. Ein Auto fuhr an ihr vorbei, dann war es wieder still.
Das Gehen tat Hella gut. Der ruhige Rhythmus ihrer Schritte ließ auch ihre Gedanken zur Ruhe kommen. Kein Nachdenken, kein Organisieren und Planen. Diese Spaziergänge waren kleine Fluchten, Auszeiten, die den Kopf frei machten.
Ihr Blick mäanderte über die Straße, den Waldboden, verhakte sich kurz an einem Baumstumpf, wanderte dann weiter. Hin und wieder bückte sie sich, hob ein Stück Rinde auf, ein kleines Metallteil, steckte es in ihren Beutel.

Sie war vielleicht eine halbe Stunde unterwegs, als ihr ein heller, rundlicher Gegenstand auffiel, der neben einem Baumstamm aus dem verrottenden Laub ragte. Sie blieb stehen und fixierte die Kugel. Mattweiß, vielleicht zwölf Zentimeter im Durchmesser, vielleicht etwas mehr, auf die Entfernung konnte sie das nicht so genau sagen. Mit einem weiten Schritt überquerte sie den Straßengraben, bemüht, nicht wegzurutschen auf dem feuchten Gras. Noch ein paar Schritte und sie hockte sich nieder und strich mit einem Finger über die poröse Oberfläche. Das war weder Glas noch Plastik, weder Metall noch Holz. Das fühlte sich an wie ihr Frühstücksei, nur etwas grober. Sie lächelte. Als hätte hier jemand schon die ersten Ostervorbereitungen getroffen.

 
(Fortsetzung folgt …)
 

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2 Gedanken zu “Winterzauber (1)

  1. Noch nie hat jemand so exakt über meine Spaziergangsart geschrieben! Nie gehe ich ohne einen kleinen Beutel aus dem Haus, immer wird der Boden sondiert, ein Stöckchen, ein besonderes Blatt, Brettchen oder …ohne einen Stein kehre ich eh nie heim. Auf allen Fensterbänken und im Garten an verschiedensten Stellen liegen die kleinen Fundstücke.
    Bin gespannt, was das eihäutige Ding nun ist….
    Gruß von Sonja

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