Winterzauber (2)

Vorsichtig strich Hella das Laub zur Seite, drückte sanft gegen die altweißeKugel, die sich ohne Widerstand hin und her bewegen ließ. Sie tastete sich vorwärts, fuhr mit einer Hand unter dieses Ding. Es war schwerer, als sie vermutet hatte, auf keinen Fall hohl. Sie klopfte dagegen, hörte ein dumpfes „pock, pock“ und musste wieder an ein Ei denken.
Entschlossen packte sie zu und hob die Kugel auf. Sie lag in ihren Händen wie in einem Nest. Hella balancierte sie auf der linken Hand, öffnete mit der rechten ihren Beutel und sammelte einige braune Buchenblätter hinein. Dann bettete sie die Kugel darauf und machte sich auf den Heimweg.

Hella legte den Beutel samt Inhalt auf den Küchentisch und öffnete eine Schranktür. Sie holte eine flache Bambusschale heraus, streute die Blätter aus dem Wald hinein und schob diese zu einem Haufen zusammen. Sie platzierte ihr Fundstück darauf und trat einen Schritt zurück. Runde Schale, Kugel, Naturfarben – da fehlten Kontraste. Sie nahm ein paar dünne Treibholzstücke aus einer Schachtel – wie erholsam der letzte Dänemarkurlaub doch gewesen war – und legte sie neben das Laub. Als Farbklecks wählte sie karminrote Glassteine, die sie zwischen Holz und Blättern verteilte. Die Schale trug sie ins Wohnzimmer und stellte sie dort auf den Teewagen neben ihrem Lieblingssessel. Dann machte sie sich an die Vorbereitungen fürs Abendessen.

Hella starrte auf ihre Dekoschale.
„Wer von euch war das?“, brüllte sie, dass es bis in die letzte Ecke der Wohnung zu hören war. Ihre Söhne kamen zögernd ins Zimmer.
„Wer hat sie kaputt gemacht? Tim? Paul?“
Hella zeigte vorwurfsvoll auf die Kugel, in deren Hülle sich ein zackiger Riss zeigte. Die Jungen schüttelten den Kopf.
„Wir waren da nicht dran, echt nicht“, erklärte Tim.
„Heute morgen war noch nichts“, ergänzte sein jüngerer Bruder.
Hella kniff die Augen zusammen.
„Und sowas passiert von ganz alleine, was?“
Sie stutzte. Neben ihr knackte es leise. Verblüfft wandte sie sich der Schale zu. Der Riss, der quer über die Kugel verlief, war breiter geworden. Eine neues Knacken und ein zweiter Riss bildete sich vor ihren Augen.
„Das glaube ich jetzt nicht.“
Die drei fixierten die Kugel und hielten die Luft an, als ein weiteres Knacken den nächsten Riss ankündigte.
„Da schlüpft was“, sagte Paul. „Cool!“
„Du spinnst“, sagte Tim.
„Das glaube ich jetzt nicht“, wiederholte Hella.
Dann ging alles sehr schnell. Die Risse weiteten sich, ein Stück Schale platzte ab und ein seltsames Pfeifen drang aus der Kugel.
Hella und ihre Söhne machten zwei Schritte rückwärts, als ein stacheliger Kopf sich aus dem Loch drängte und zwei feuerrote Augen sie anschauten.

 
(Fortsetzung folgt …)

 

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