Winterzauber (3)

„Uiiiiieeek.“ Das Maul des frisch geschlüpften Drachens zog sich von einem Ohr zum andern, die Zunge spitzte zwischen den Perlenzähnen hervor, eine winzige Rauchwolke stieg auf.
„Hat der gepupst?“ Paul rümpfte die Nase.
„Nee, der hat Mundgeruch“, kommentierte Tim den schwefeligen Dunst.
„Uiiiiieeek.“ Der Drache reckte sich, die Eikugel brach in Stücke. Er dehnte die faltigen Flügel und schlenkerte mit dem Schwanz hin und her. Laub und Treibholz fielen aus der Bambusschale auf den Boden, die Glassteine klickerten auf die Tischplatte. Der Drache beäugte sie interessiert.

„Mama, können wir den behalten?“ Paul sah zu Hella, die ungläubig den Kopf schüttelte.
„Das kann nicht sein … das ist nicht wahr“, stammelte sie.
„Mama, können wir ihn behalten?“ Paul ließ nicht locker und zog Hella an der Hand.
„Ja, wir behalten ihn“, stimmte Tim zu. „Ein Drache ist voll cool, viel besser als ein Hund.“
Hella sah ihre Söhne an, schaute wieder auf den Drachen.
Der reckte den Hals und schien abschätzen zu wollen, ob er den Sprung nach unten wagen konnte. Er schlug mit den Flügeln, die sich langsam glätteten, duckte sich und stieß sich kräftig ab. Mit einem schrillen „Uiiiiieeek.“ landete er direkt vor Hellas Füßen.

Die fuhr zurück, wäre fast über Paul gestolpert, der immer noch ihre Hand hielt.
„Wir müssen ihn einfangen“, stieß sie hervor. „Tim, hol den Kescher. Paul, nicht anfassen. Vielleicht beißt der oder ist giftig oder was weiß ich.“
Hella konnte immer noch nicht glauben, was sie vor sich sah. Da watschelte ein Jungdrache mit silberweißen Schuppen, einem langen Schwanz und türkisfarbenen Flügeln über das Parkett in ihrem Wohnzimmer. Er zischte leise und stieß dabei kleine, stinkende Rauchwölkchen aus. Sie beschloss, dass das ein Traum sein musste.
Aber auch in einem Traum konnte man einen Drachen nicht einfach durchs Wohnzimmer laufen lassen. Der war schließlich nicht stubenrein und womöglich hatte er sein inneres Feuer nicht unter Kontrolle und fackelte die Wohnung ab, wenn sie nicht aufpassten.

„Tim, wo bleibt der Kescher?“, rief sie und versuchte, den Drachen davon abzuhalten, unter dem Sofa zu verschwinden.
Tim kam ins Zimmer und schwenkte das Netz, mit dem er im vergangenen Sommer an der Ostsee Krebse und kleine Fische aus dem Wasser geholt hatte. Er näherte sich dem Drachen von hinten und stülpte den Kescher mit einer schnellen Bewegung über ihn. Der Drache fauchte erschreckt und eine Stichflamme versengte das Garn vor seinen Nasenlöchern.
„Das hält nicht lange“, stellte Paul fest und Tim lief hinaus.
Hella hockte sich vor den Drachen und sprach beruhigend auf ihn ein. Was bei jungen Katzen funktionierte, konnte auch bei diesem Kerlchen klappen. Der Drache funkelte sie feuerrot an, fiepte aber nur noch leise.
Tim kam zurück und schleppte einen alten Meerschweinchenkäfig heran. Er öffnete die Tür und Hella schob den Drachen vorsichtig mit dem Kescher davor. Der Drache zischte wieder, spie aber kein Feuer, sondern kletterte in den Käfig. Hella zog den Kescher weg, schloß das Türgitter und atmete durch.

 
(Fortsetzung folgt …)

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