Winterzauber (4)

„Irgendwann wache ich auf“, dachte Hella, während sie mit ihren Söhnen auf dem Fußboden im Wohnzimmer saß und den Drachen im Meerschweinchenkäfig beobachtete.
Tim und Paul bombardierten sie mit Fragen:
„Was frisst der eigentlich?“ – „Wie groß wird der?“ – „Kann man ihn an die Leine nehmen?“ – „Muss man für den Drachensteuer zahlen?“
Und immer wieder: „Können wir ihn behalten?“
„Wir wissen zu wenig“, sagte Hella, stand auf und ging ins Arbeitszimmer.

Sie startete den PC, googelte „Drache“ und klickte Wikipedia an. Unter all den Vorschlägen, was „Drache“ sein konnte – Sternbild, Schauspieler, Fluggerät -, entschied sie sich für „Mythologie“.
Ein Mischwesen aus Reptil, Vogel und Raubtier. Ungeheuer und Sinnbild des Chaos einerseits, Glücksbringer und Symbol für Fruchtbarkeit andererseits. Jede Menge Informationen aus allen Teilen der Welt. Ursprungshypothesen, mythologische und psychologische Deutungen. Das war Hella zu viel.
Sie wollte eigentlich nur wissen, was für eine Spezies in ihrem Wohnzimmer geschlüpft war. Sie wollte wissen, was der silberweiße kleine Drache brauchte.
Hella suchte weiter und entdeckte eine Übersicht über Drachenrassen. Sie überflog die Liste von A wie Aschedrache bis Z wie Zierdrache, auf den Bildern sah sie Exemplare in allen Farben und Größen. Sie las genauer und blieb schließlich beim Silberdrachen hängen. Da stand zwar nichts von türkisfarbenen Flügeln, aber Jungtiere haben ja oft eine andere Färbung als die erwachsenen. Sie googelte Silberdrache und seufzte erleichtert. Silberdrachen waren umgängliche Wesen, friedfertig und den Menschen zugewandt. Als Allesfresser konnte man sie problemlos ernähren und die Zwergformen wurden nicht größer als zwei Meter.
Nur zwei Meter? Nur? Für den Meerschweinchenkäfig war das deutlich zu viel und für ihre Wohnung auch. Friedfertig hin oder her. Und wer sagte ihnen, dass sie einen Zwergdrachen besaßen und keins der haushohen Modelle?
Hella las weiter. Silberdrachen lieben die Gesellschaft von ihresgleichen, sie brauchen Platz zum Fliegen und sie bevorzugen die Weite des Meeres.
Einen Silberdrachen alleine und im waldreichen Mittelgebirge zu halten, das war eindeutig Drachenquälerei.

Hella schaltete den PC aus und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Tim und Paul Käsewürfel zwischen die Gitterstäbe hielten. Der Drache streckte seine spitze Zunge vor, umschlang den Käse und schluckte ihn mit einem wohligen Schlürfen. War er schon gewachsen?
„Kinder, wir müssen reden.“
Tim und Paul sahen ihre Mutter an, Paul verzog das Gesicht und stieß ein jämmerliches „Nein!“ aus.
„Doch, es tut mir leid.“ Hella nahm Paul in den Arm, legte Tim eine Hand auf die Schulter. Dann erklärte sie den beiden, was sie im Internet gefunden hatte.

Drei Tage später standen Hella, Tim und Paul am Strand, die Köpfe in den Nacken gelegt, und schauten in den blassblauen Winterhimmel. Über ihnen kreisten ein paar Möwen. Und hoch, ganz hoch über den Möwen glitzerte es silbern und türkis.
„Ich glaube, er ist glücklich.“ Paul schniefte und wischte sich verstohlen über die Augen.

 
* * * E N D E * * *

 

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2 Gedanken zu “Winterzauber (4)

  1. Eine schöne Geschichte, leider mit einem sehr jähen Ende. Schade.

    Gruß,

    la loup souriante, die Drachen wirklich gut leiden kann

    1. danke dir, meine Wölfin
      ich weiß, dass es noch weitergehen könnte, aber ich wollte keinen Drachenroman schreiben (warum eigentlich nicht?)

      lieben Gruß
      Uta

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