Spaziergänge (1) – Am Bach

Im Februar werden die Donnerstags-Geschichten kleine Fingerübungen sein. Fiktive Spaziergänge, weder heute noch an einem anderen Tag so geschehen.

* * *

Die Luft ist klar und kalt, die Sonne scheint von einem winterblassen Himmel. Als der rote Corsa vorbeigefahren ist, überquere ich die Hauptstraße und wende mich nach links. Bis zur Brücke sind es etwa fünfzig Meter. Mein Atem schickt kleine Wolken voraus, die sich in Sekundenschnelle auflösen.

Die schmale Steinbrücke ist nur für Fußgänger und Radfahrer gedacht. Die Löcher in der Asphaltdecke sind in den letzten Wochen mehr geworden. Der Frost hat handtellergroße Stücke herausgesprengt, in den Vertiefungen glitzert es.
Ich stütze mich auf das Geländer, lasse aber gleich wieder los, weil ich das Gefühl habe, meine Finger würden festfrieren. Ich hätte Handschuhe anziehen sollen. Ich stecke die Hände in die Jackentaschen und schaue aufs Wasser.

Der Bach fließt mit leisem Rauschen auf mich zu, unter mir hindurch, strudelt um die Steine, die ihre glänzenden Kuppen aus dem niedrigen Wasser strecken. Ein Blatt schwimmt mit dem Strom, taumelt von rechts nach links, dreht sich um seine Achse, nähert sich dem Ufer und bleibt an den Zweigen hängen, die eine Erle bis zur Wasseroberfläche hängen lässt.

Ich überquere die Brücke, steige vorsichtig die drei ausgetretenen Stufen an der Seite hinunter und hoffe, dass bei dieser Kälte der Pfad am Bach fest und begehbar ist. Ein Trampelpfad durchs Gras, direkt am Ufer entlang. Kein Mensch ist heute hier unterwegs.
Ich staune, wie still es ist. Ich bin nur wenige Meter von der Hauptstraße entfernt. Die Häuser in der ersten Reihe schirmen die Geräusche ab, außerdem fahren um diese Zeit kaum Autos durchs Tal. Die Menschen arbeiten in der Stadt, die Kinder sind in der Schule, die Alten zuhause. Ich genieße die Freiheit, mitten am Tag einfach spazierengehen zu dürfen.

Ich bleibe stehen und betrachte eine kleine Dolde roter Beeren. Vom Frost sind sie glasig, leuchten aber frisch an den nackten Zweigen. Ob Vögel diese Beeren fressen? Ich überlege, was das für ein Strauch ist, kann mich aber nicht erinnern, wie seine Blätter oder Blüten aussehen. Sommer ist so weit weg.
Zwei Enten paddeln am Bachrand gegen den Strom, der Kopf des Erpels schimmert blaugrün, ich mag diese Farbe. Die Kälte scheint sie nicht zu stören. Hin und wieder stecken sie den Kopf unter Wasser, gründeln nach Nahrung. Dann drehen sie auf der Stelle und treiben davon.

Ich gehe weiter, erreiche die zweite Brücke im Dorf und wechsele wieder die Seite. Es riecht nach verbranntem Holz, aus einem Kamin steigt Rauch auf, fast senkrecht. Ich denke an Flammen, an Wärme. Meine Ohrläppchen brennen, meine Finger sind klamm, es wird Zeit zurück zu gehen.

 

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