Spaziergänge (2) – Sesam öffne dich

Ich nähere mich dem Eingang zur Schatzhöhle. Das Tor aus Glas ist geschlossen. Eine Person kommt mir entgegen, meine Größe, meine Statur, eine Tasche über der rechten Schulter. Wie ich hebt sie die Hand, greift nach dem Holzblock, der als Türgriff dient. Sie zögert, ich zögere, versuche durch die Spiegelung hindurch zu sehen. Die Welten hier draußen und dort drinnen vermischen sich im Glas. Ein Regal wird von einem Baum überschattet, der Teppichboden ist gepflastert und durch die Öffnungszeiten huschen kleine Menschen. Ich schüttele den Zauber ab, flüstere „Sesam öffne dich!“ und drücke kräftig gegen die Tür.

Warme Luft empfängt mich. Auf der linken Seite höre ich Kinderstimmen, ich wende mich nach rechts. Tasche und Jacke verstaue ich in einer der großen Boxen, die sich gleich hinter dem Eingang türmen, werfe eine Münze in den Schlitz der roten Blechtür, drehe den Schlüssel und stecke ihn ein. Ich bin bereit für Abenteuer.
Die Hüterinnen der Schätze grüßen freundlich, sie kennen mich schon lange. Ich grüße zurück und ziehe weiter. Ich habe kein festes Ziel, kann mich treiben lassen, gerate in die Schluchten der Belletristik.

Schmal sind die Wege zwischen den Regalwänden. Ich neige den Kopf, um die Titel lesen zu können, die sich dicht an dicht reihen. Ich überfliege die Buchrücken, bleibe hängen zwischen Grass und Greene, denke, dass ich den dritten Mann immer schon mal lesen wollte, den Butt eher nicht. Entziffere „Orient-Express“, wundere mich, ziehe das Buch aus dem Regal. Nein, es ist nicht falsch eingeordnet, ist nicht der Krimi von Agatha Christie. Auch Greene hat einen Roman geschrieben, der im legendären Zug spielt. Ich lese den Klappentext, schlage das Buch auf, blättere darin, stelle es zurück.
Ich mag den Duft, den Bücher aussenden, diesen trockenen Papierhauch, das leicht Muffige der alten Schwarten, die Ahnung von Druckerschwärze. Man muss schon genau hinriechen, die Nase zwischen die Seiten stecken und die Luft durch beide Nasenlöcher einsaugen.
Ich mag das Gefühl, wenn die Seiten durch die Finger gleiten mit diesem leisen Rascheln, ich mag die Glätte der Schutzumschläge und das Raue des Leinengewebes.
Und ich mag, wie sie da alle versammelt sind, schlanke hohe und dicke kurze Bände, alle Größen und Farben bunt durcheinander. Wie sie friedlich nebeneinander stehen, Klassiker neben Modernem, schwere Kost neben leichter, Krimis, Liebesromane, Familiensagas, ohne Wertung, einfach nach Autoren geordnet.

Ordnung muss sein. Wie sollte man sonst die Schätze heben können, die hier lagern. Früher stand ich vor großen Katalogschränken. Lange Reihen von Karteikästen enthielten unzählige Karten mit Informationen. Handgetippt auf alten Büroschreibmaschinen. Alphabetischer Katalog, Schlagwortkatalog. Es dauerte ewig, die Karten durchzublättern, die auf eine lange Metallschiene im Kasten aufgefädelt waren. Manche waren schon ganz weich vom vielen Anfassen, mit Knicken und fransigen Kanten. Andere glatt und fest, entweder neu oder wenig benutzt. Sie gaben mir ein Gefühl für die Menge an Geschichten und Wissen, die hier verborgen war.
Heutzutage ist Schatzsuche unromantisch geworden. Ich setze mich an einen der PCs, tippe ein Schlagwort ein, drücke die Enter-Taste und schon erscheint eine Liste auf dem Bildschirm. Ich notiere Signaturen und gehe zum Regal.

Trotzdem ist dieser Gang zum Regal immer noch ein kleines Abenteuer. Auf dem Weg dorthin locken rechts und links weitere Regale, andere Themen, neue Einblicke. Ich lasse mich gerne verführen.
Und wenn ich dann vor den Hüterinnen stehe, um ihnen meine Beute zu zeigen, sind meine Arme schwer von all den Büchern über Do-it-yourself, Bauhaus-Design, Kryptografie und das, was ich eigentlich gesucht habe: Kreatives Schreiben.

 

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3 Gedanken zu “Spaziergänge (2) – Sesam öffne dich

  1. Oh ja, da kann ich Dich verstehen. Bücher haben eine Faszination, Ich könnte auch einen ganzen Tag in einem Buchladen, einer Bibliothek oder einer Leihbücherei verbringen.
    Es ist für mich immer noch ein Erlebnis ein Buch in die Hand zu nehmen. Ich hoffe nur, daß e-books sie nicht eines Tages verdrängen.
    LbG Isi

    1. ich entdecke gerade so langsam die Welt der E-Books (über die onleihe unserer Bibliothek)
      für unterwegs schon seeehr praktisch, aber ein richtiges Buch habe ich trotzdem lieber in der Hand

      lieben Gruß
      Uta

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