Spaziergänge (3) – Am Meer

Treppauf vom Parkplatz zur Dünenkrone, eine Hand am windkalten Geländer. Auf den Stufen ein Sandschleier, am Rand dichter als in der Mitte, wo Schuhe ihn zertreten. Die Schritte unzähliger Menschen haben die Farbe vom Beton geschürft, lassen ihn nackt und grau zurück.
Innehalten dort oben. Den Salzgeruch aus der Luft saugen, die vom Meer weht, vom Horizont unter den stahlfarbenen Wolken. Innehalten mit weitem Blick.
Kreischende Möwen über gleißendem Wasser. Die Sonne steht tief, streift die Buhnen, wirft lange Schatten auf den Sand. Menschen ziehen vorbei, klein, dunkel im Gegenlicht, paarweise oder einzeln mit Hund.

Langsam steige ich Stufe für Stufe hinunter. Auf dieser Seite sind sie aus Holz, mit Querrillen gegen das Rutschen. Vermute ich. Sie beben leise bei jedem Tritt, schwingen zwischen den Halterungen, an denen Edelstahlschrauben glänzen. Was sonst hält bei Salz und Feuchtigkeit stand?
Die letzte Stufe, mein Fuß versinkt im Sand. Blassgelb, feinkörnig, trocken. Gespenkelt mit Muschelstücken in Grau- und Brauntönen. Einzelne störrische Halme bohren sich in die Luft, der Strandhafer breitet sich aus. Soll er. Um die Dünen zu zügeln. Die würden sonst übers Land wandern, getrieben vom Westwind. Und der Schutz ginge verloren.
Schutz ist vonnöten. Das Land liegt auf Meereshöhe, wenn nicht gar tiefer. Dünen, Deiche, Kanäle versuchen, die Natur im Zaum zu halten. Meist gelingt das.

In schräger Linie stapfe ich zum Wassersaum. Das Meer leckt mit Schaumzungen am Sand, schiebt Muscheln und kleine Steine hin und her, spült ausgebleichte Seilstücke und Treibholz an. Auf dem feuchten Boden marschiere ich zügig Richtung Norden.
Das Gehen tut mir gut, ich finde meinen Rhythmus, gehe und atme und gehe.
Unterbrochen wird dieser Rhythmus von den Buhnen, die meinen Weg kreuzen, diesen nassen Stämme, besiedelt von Algen und Seepocken. Als tauchten sie aus dem Meer auf und zögen in Doppelreihen an Land, um die Dünen zu erobern.
Mal muss ich mich zwischen hohen Stämmen hindurch zwängen, mal kann ich einfach über niedrige Stümpfe steigen. Zwischen ihnen der Blick aufs Meer gerahmt, eingeengt, beschnitten. Möwen hocken auf den Buhnen, lachen mich aus, die ich glaube, hier Freiheit zu finden.

Die Sonne sinkt tiefer, der Himmel unter der Wolkendecke färbt sich wärmer. Meine Finger werden klamm, steif, es wird Zeit zurück zu gehen.

 

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2 Gedanken zu “Spaziergänge (3) – Am Meer

  1. Liebe Uta,

    alle drei Geschichten gefallen mir, die letzte am besten. Aber das mag an der Thematik liegen. Die erste und noch mehr die zweite Geschichte plätschern so leichtfüßig dahin. Das wirkt entspannend. Obwohl – wenn man dich kennt, dann fallen einem schon einige Detaills auf, über die man schmunzeln muss. Beispiel: Welcher spazierengehender Frau fallen Schrauben aus V2A-Stahl auf und bringen sie ins Grübeln??!!??

    Beim Lesen fiel mir immer wieder das Wort Modul ein. Am liebsten würde ich deine Geschichten hernehmen und als Modul auswerten. Und zwar in drei Richtungen:

    1) Ich würde deine Zeilen „ausschlachten“. Bitte liebe Uta, verzeih mir! Allein schon das Wort klingt brutal, gell?!? Aber deine Spaziergänge sind eine Fundgrube für Poesie. Sie bieten ganz wunderbare Bilder an, mit denen ich gerne Gedichte „bauen“ würde. Was Lust und Können betrifft, würde mich diese Option am meisten reizen.

    2) Man könnte die drei Kurzgeschichten nehmen und jede von ihnen in eine Story transformieren. Nach dem Motto: Man mache irgendeine Beziehungskiste auf, stricke eine kurze aber deftige Handlung daraus und nehme deine Erzählung als „Füllmaterial“. Deine Beschreibung von Landschaft und Natur würde gewissermaßen die Beruhigung in die Story bringen.

    3) Die dritte Möglichkeit ist die Verwendung der Geschichten als Module, gewissermaßen als Komponenten eines Romans. Man müsste ein Drehbuch schreiben, wo der Leser durch ein Leben (oder mehrere) geführt wird. Nach der Hektik einer Handlung, in der sich die Ereignisse soeben überschlagen haben, kann er auf den „Spaziergängen“ dazwischen wieder Ruhe tanken.

    Uta, du verzeihst mir meine Eigenmächtigkeit, gell?!?
    Deine Geschichten gefallen mir.
    Keine Frage!

    Herzlich
    Jorge D.R.

    1. Dankeschön, lieber Jorge
      die „Spaziergänge“ sind zur Zeit meine Fingerübungen
      ich habe so lange kaum noch Prosa geschrieben, versuche jetzt, mit allen Sinnen kleine Szenen zu schreiben
      sozusagen als Probe, damit irgendwann mal ein richtig langer Text (Roman ???) zustande kommt

      zu deinen Anregungen:
      1) wenn du magst, darfst du das gerne tun – ich bin gespannt
      2) auch eine Idee; aber ich vermute, dass ich nur den Stil, nicht aber die Szenen selbst nutzen werde für eine größere Story
      3) das klingt besonders interessant; vielleicht die Spaziergänge als roter Faden, der von einer Geschichte zur nächsten führt?

      und ich finde nicht, dass das Eigenmächtigkeit ist
      ich habe dir zu danken für deinen ausführlichen Kommentar

      lieben Gruß
      Uta

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