Spaziergänge (4) – Stille Wege

Feiner Split knirscht unter meinen Schuhen. Der Weg ist schmal, Randsteine halten die Wiese fern. Das Gras ist frisch gemäht, duftet in der Nachmittagssonne.
An einer Wegkreuzung ein rundes Beet: Buchsbaum und Begonien, eine Bronzelaterne mit Kerze, davor ein paar Rosen, im Welken vergilbt. Auf der Rasenfläche dahinter sind Steinplatten eingelassen, die Gravuren von hier aus nicht lesbar.

Ich gehe weiter, das Feld wird abgeschlossen von einer Wand aus Betonquadern. Lange Reihen, vierfach übereinander getürmt, von einem Blechdach überschattet, Fronten aus rötlichem Granit. Die Schriften darauf vielfältig, Druckbuchstaben, Schreibschrift, teils eingeritzt, teils aufgesetzt, ein bisschen Individualität soll bleiben. Aber die nimmt man nur aus der Nähe wahr. Wenige Meter entfernt wirkt die Wand wie ein grundrenovierter Wohnblock aus den Sechziger Jahren.

Hinter dem Steinbrunnen mit den grünen Gießkannen – bitte zurückstellen – beginnt der alte Teil des Geländes. Der Wind rauscht in den Linden und Kastanien, in den hohen Buchen rundum.
Ich schlendere an großzügigen Gräbern vorbei. Hier haben die Toten noch Platz, manche beherbergen ganze Familien. Kleine Gärten, die einen üppig blühend, die anderen von Efeu überwuchert. Trittsteine, um das Bepflanzen zu erleichtern. Kiesschüttungen, die an Zen-Gärten erinnern und die Pflege fast überflüssig machen.
Ich lese die Namen auf den Steinen, die Daten von Geburt und Tod, rechne automatisch nach und schüttele den Kopf, wenn eine Zahl herauskommt, die weniger als mein eigenes Alter beträgt.

Ich setze mich auf eine Bank, schließe die Augen. Still ist es, die Menschen scheinen zu flüstern, nur die Vögel singen hemmungslos. Die Welt, der Alltag, Hektik und Lärm sind ausgesperrt.
Ich erinnere mich an das letzte Jahr in der Schule. Hin und wieder holten wir uns in der Mittagspause eine Portion Pommes frites und gingen damit auf den alten Friedhof am Stadtpark. Bestattet wurde dort schon lange keiner mehr, aber die Ruhe, diese entspannende Ruhe war immer noch da. Wir saßen auf einer Bank mit Blick auf die übrig gebliebenen Grabsteine. Die kunstvoll verzierten Stelen, die Kreuze und Statuen standen schief auf der Wiese, abgesackt, schwarz verwittert und mit Moos bewachsen. Jahreszahlen ließen sich kaum entziffern, 1890, 1912, ewig her. So lange wird keiner der heutigen Steine überleben.
Wir saßen, aßen, zerknüllten die Pappschalen, warfen sie in den Mülleimer neben der Bank und blieben noch eine Weile, genossen die Auszeit.

Ich schüttele die Erinnerung ab und stehe auf. Die Schulzeit ist seit Jahrzehnten vorbei, die Freundinnen von damals verstreut, der alte Friedhof inzwischen vermutlich ein einfacher Park. Aber um diesen Friedhof geht es gar nicht, nicht um die Vergangenheit, wenn ich wieder mal in einer fremdem Stadt durch ein schmiedeeisernes Tor trete und die schmalen, stillen Wege entlang gehe.

 

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4 Gedanken zu “Spaziergänge (4) – Stille Wege

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