23. Dezember

… und bringt ein Licht (4)

 
„Das glaube ich jetzt nicht!“ Britta hatte sich von ihrem Schrecken erholt und sah sich im Raum um. „Das ist ein Traum. Das kann nur ein Traum sein.“
„Nein, du bist wach.“ Die Worte der zarten Stimme schienen von Glockenklingeln begleitet zu sein. Die Elfe schwebte vor Britta und Peter und lächelte sie an. Vom Kopf bis zu den zierlichen Filzstiefelchen maß sie etwa eine Elle. Die grünen Augen glitzerten, die roten Locken wippten bei jedem Flügelschlag. „Willkommen in unserem Lichterhaus.“
„Willkommen!“, tönte es aus mindestens zwanzig Kehlen in allen Tonlagen.
Mehrere Elfen belagerten ein altes Sofa und kuschelten sich in die Kissen. Sie kicherten beim Anblick der beiden Menschen, denen die Münder offen standen.
Vor dem Kamin hockten ein paar Zwerge mit dichten Bärten, schwarzen Stiefeln und Pudelmützen in allen Farben des Regenbogens.
Wichtel saßen rund um einem großen Holztisch auf derben Stühlen und baumelten mit den bestrumpften Beinen. Einem rutschte der Filzhut über die Augen. Er schob ihn wieder hoch und zwinkerte Britta zu.
Im Hintergrund verharrten drei mächtige Trolle, die Köpfe zur Seite geneigt, weil sie sonst an der Decke angestoßen wären.
Auf jeder freien Fläche standen Kerzen, erhellten den Raum mit ihrem flackernden Schein. Dicke Stumpenkerzen auf flachen Tellern, schmale Leuchterkerzen in silbernen und bronzenen Kandelabern, eine Reihe Kugelkerzen auf dem Kaminsims.
Vor dem Fenster hing ein schwarzer Wollvorhang. Deshalb hatten sie von draußen nichts sehen können, wurde Britta klar.
„Vor drei Wochen war der Vorhang verrutscht“, zwitscherte die Elfe. „Ein kleines Missgeschick, dass euch anscheinend zu uns geführt hat.“
„Was …“ Britta räusperte sich. „Was macht ihr hier? Was bedeutet das: Lichterhaus?“
Ein Zwerg mit beeindruckend langem Bart trat zu ihnen.
„In jedem Jahr wird in den anderen Welten ein Menschenhaus ausgewählt. Es muss ein leeres Haus sein, eins, das etwas abseits steht, ein einsames Haus.“
Der Filzhut-Wichtel sprang von seinem Stuhl und stellte sich zwischen Zwerg und Elfe.
„Ja, ein einsames Haus mitten unter den Menschen. Es ist der Treffpunkt für die Lichterzüge.“ Er nickte heftig, der Hut rutschte wieder bis auf seine Nase.
„Aus allen vier Himmelsrichtungen kommen die Lichterzüge und treffen sich hier.“
„Lichterzüge?“ Peter zog die Stirn in Falten. „Die kenne ich nur von Sankt Martin.“
Die Elfe kicherte und flatterte um Britta und Peter herum wie ein Schmetterling.
„Eine nette Idee der Menschen. Ein Versuch, Licht und Liebe zu bringen. Klappt aber meistens nicht.“
„Weil die Menschen vergessen haben, wofür das Licht steht“, warf der Zwerg ein. „Genau wie die Menschen vergessen haben, wofür die Weihnacht steht. Deshalb ziehen wir aus den anderen Welten jedes Jahr in der Adventszeit durch Menschenland. Von den westlichen Inseln kommen die Elfen, aus dem Osten die Wichtel. Der Norden schickt Trolle und wir Zwerge wandern von den südlichen Bergen herbei. Wir alle tragen das Licht mit uns als Zeichen der Liebe und des Friedens zwischen den Völkern. Aber die Menschen sehen es nicht.“
„Weil sie so viele grelle Lampen haben“, grummelte einer der Trolle. „Und weil sie sich hetzen und nicht rechts noch links schauen und nur kaufen, kaufen, kaufen.“
Die anderen beiden Trolle nickten, so gut das mit schiefen Köpfen ging.
„Und weil sie Angst haben vor allem, was ihnen fremd ist“, ergänzte der Wichtel.
„Aber wir geben nicht auf.“ Die Elfe strahlte Britta an. „Und in diesem Jahr hat es ja geklappt. Wenigstens du hast uns gesehen.“
Britta wurde ein bisschen rot. „Das war nur Zufall“, flüsterte sie.
„Wenn ihr euch so gut versteckt, müsst ihr euch auch nicht wundern“, sagte Peter. „In der Nacht querfeldein zu ziehen, das kann nichts bringen.“
Der Zwerg sah Peter intensiv in die Augen.
„Wenn wir so handelten, wie die Menschen das tagtäglich tun, dann wären wir genau wie sie. Dann ändert sich nichts. Wir müssen das auf unsere Art machen. Wir müssen darauf bauen, dass die Menschen erkennen. Nach und nach. Und der Anfang ist heute gemacht.“
„Und jetzt lasst uns feiern“, sang die Elfe mit ihrer Glockenstimme und reichte Britta und Peter Gläser mit einer perlenden Flüssigkeit.
„Auf Licht und Liebe!“
„Auf Licht und Liebe!“, stimmten alle ein.

 
* * * E N D E * * *

 

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