Wasserhyazinthe und Wachstum


 
Ab und zu muss ich meinen Handarbeitskorb ausmisten. Was sich da alles unter dem aktuellen Strickzeug findet: winzige Restknäuel Wolle, Banderolen längst verstrickten Garns, eine Sicherheitsnadel, ein Haargummi.
Bevor ich das Strickzeug wieder in den Korb lege, schaue ich ihn mir genauer an.
Ich mag diesen Korb, weiß gar nicht mehr, woher ich ihn eigentlich habe.
Aber ich weiß, dass er aus Wasserhyazinthe hergestellt wurde.

Wasserhyazinthe, das ist doch diese Pflanze, die in Afrika alle Seen zuwuchert, oder? Ich lese nach.
Ursprünglich stammt sie aus dem tropischen Südamerika, wurde verschleppt auf andere Kontinente, in Regionen, wo Fressfeinde fehlen, so dass sie wächst wie verrückt.
Als Schwimmpflanze deckt sie nach und nach die Oberfläche eines Sees ab, Pflanzen und Fische darunter sterben. Der Sauerstoffgehalt des Sees sinkt, er versauert. Und weil nicht mehr so viel Bewegung da ist, lagert sich immer mehr Schlamm ab.
Die Wasserhyazinthe hat allerdings auch positive Aspekte. Zum einen nimmt sie Giftstoffe aus dem Wasser auf und reinigt es dadurch. Zum anderen können aus ihrern Fasern Flechtobjekte und Papier (allerdings kein hochwertiges) gemacht werden.
Da zeigt sich wieder einmal: nichts ist nur gut oder nur schlecht.

Das Wachstum der Wasserhyazinthe ist legendär. Alle zwei Wochen verdoppelt sie ihre Fläche.
Das erinnert mich an Mathematikaufgaben meiner Nachhilfeschüler.
Letztens erst ging es um unterschiedliche Arten von Wachstum und die mathematische Beschreibung durch Funktionen. Klingt kompliziert? Ist eigentlich gar nicht so schlimm.

Schauen wir uns zuerst lineares Wachstum an am Beispiel Stromverbrauch:
Für die Bereitstellung des Stromzählers etc. bezahle ich eine Grundgebühr und dazu kommt pro verbrauchter Kilowattstunde ein fester Betrag.
Die Stromrechnung wächst also ganz gleichmäßig mit dem Verbrauch; wenn ich das grafisch darstelle, ergibt sich eine Gerade.
 

Lineares Wachstum können wir meist gut überschauen.

Viele Wachstumsprozesse, z.B. in der Natur, laufen aber ganz anders ab, und zwar exponentiell. Nehmen wir als Beispiel die Wasserhyazinthe, von der wir wissen, das sie ihre Fläche alle zwei Wochen verdoppelt.
Angenommen, sie bedeckt am Anfang unserer Beobachtung 1 m². Dann bedeckt sie nach zwei Wochen doppelt so viel, also 2 m² (Zuwachs: 1 m²). Weitere zwei Wochen später bedeckt sie schon 4 m² (Zuwachs: 2 m²), danach 8 m² (Zuwachs: 4 m²) und so weiter.
Die Fläche wird also von Mal zu Mal mit einem festen Faktor malgenommen, wobei der absolute Zuwachs ständig – und das auch noch immer stärker – zunimmt.
 

Exponentielles Wachstum ist für uns oft schwer einzuschätzen.

Frage: Wir setzen eine Wasserhyazinthe in einem See aus. Nach 50 Wochen bedeckt sie den halben See. Nach wie vielen weiteren Wochen bedeckt sie den ganzen See?

Antwort: Nach 2 Wochen !
Nein, nicht nach 50 Wochen. Das wäre der Fall, wenn das Wachstum linear wäre, ist es aber nicht.
Sie verdoppelt ja alle zwei Wochen ihre Fläche. Vom halben zum ganzen See ist nur noch einmal Verdoppeln nötig, also nur zwei weitere Wochen.
Krass, oder?

Verdoppeln ist natürlich ein sehr heftiges Wachstum.
Aber nehmen wir mal die Wirtschaft, nehmen wir mal an, sie würde jährlich um 1,5 Prozent wachsen. Das klingt ja nun nicht nach viel.
Aber das kommt darauf an, von welchem Betrag man diesen Prozentsatz berechnet:
1,5 Prozent von 1.000 Euro sind harmlose 15 Euro.
1,5 Prozent von 1 Million Euro sind schon 15.000 Euro.
1,5 Prozent von 1 Milliarde Euro sind dann 15.000.000 Euro.

Wenn ich also z.B. eine Firma habe mit einer Milliade Euro Umsatz und möchte um 1,5 Prozent wachsen, dann muss ich im nächsten Jahr 15 Millionen Euro Umsatz mehr machen.
Und wenn ich danach wieder um 1,5 Prozent wachsen möchte, dann muss ich noch mehr Umsatz mehr machen, nämlich 15.225.000 Euro, also nochmal 225.000 Euro mehr Zuwachs als im Vorjahr.
Und das steigert sich ins Unermessliche.
Krass, oder?

Wachstum an sich ist ja nichts Schlechtes. Alles, was lebt, wächst auch. Aber die Natur macht das ganz geschickt.
Nehmen wir einen Baum. Am Anfang wächst er kräftig, wird jedes Jahr deutlich größer und höher. Aber das Wachstum wird mit der Zeit geringer, bis der Baum seine optimale Größe erreicht hat. Er wird dann noch stärker, verzweigt sich mehr, aber er wird nicht mehr höher.
Und die Wasserhyazinthe? Die wird im Wachstum begrenzt durch äußere Bedingungen. Irgendwann ist der See bedeckt, sie hat keinen Platz und vielleicht auch nicht mehr genug Nährstoffe, um weiter zu wachsen. Wenn sie trotzdem weiter wächst, drückt sie sich selber unter Wasser und stirbt ab (vermute ich).

Wir leben auf einem endlichen Planeten, mit endlich viel Platz, mit endlich vielen Ressourcen.
Sollten wir nicht vom Baum lernen, dass Wachsen kein unendlicher Prozess ist, sondern dass es Grenzen gibt? Dass wir ein Optimum finden müssen, damit wir überleben? Und zwar nicht nur unsere westlichen Gesellschaften sondern alle Gesellschaften auf der Welt.

 

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2 Gedanken zu “Wasserhyazinthe und Wachstum

  1. Wenigstens in den Wirtschaftswissenschaften gibt es ja mittlerweile ein Umdenken. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit wurde in dem Bereich ja noch die Mär vom „ewigen Wachstum“ verbreitet. Das ist glücklicherweise wenigstens eingeschränkt worden.Trotzdem – die, die das noch so gelernt haben, sitzen jetzt in den Chefetagen und fällen die Entscheidungen. Ob der Generationenwechsel und damit ein Umdenken noch rechtzeitig kommt?

    Zu hoffen bliebe es ja.

    1. Genau ! Das Credo „Wachstum, Wachstum“ wird von den Mächtigen (Wirtschaft, Politik) so laut verbreitet, dass die anderen Stimmen noch zu leise sind.
      Und oft wird dann auch argumentiert, dass kein Wachstum bedeutet, in frühere Verhältnisse zurückzufallen.
      Hoffen wir, dass die positiven Beispiele dafür, dass es auch anders geht, mehr in den Vordergrund gerückt werden und als Inspiration wirken können.

      Lieben Gruß
      Uta

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