Ehrlichkeit


 

„Ich glaube, das können wir als Schlusswort für die erste Runde stehen lassen.“
Der Moderator trat mit seinem Mikrofon nach vorne.
„Wir haben sehr unterschiedliche Aspekte des Themas Schenken kennengelernt. Ein Punkt ist die Motivation, die innere Einstellung zum Schenken. Ein weiterer die Frage nach dem Was, nach der Art des Geschenkes. Zu diesen beiden Punkten haben wir schon einiges gehört. Was für mich bisher zu kurz kam, ist der Umgang mit Geschenken. Wie verhalte ich mich, wenn ich etwas geschenkt bekomme?“
Er sah die Gäste auf der Bühne der Reihe nach an. Sophie Achtsam hob ihre Hand und der Moderator nickte ihr zu.
„Auf jeden Fall sollten wir das Geschenk wohlwollend betrachten“, meinte die Grundschullehrerin. „Wir sollten es als Gabe wahrnehmen und würdigen.“
„Auch wenn das manchmal schwer fällt“, warf Herr Humor ein und zwinkerte dem Moderator zu.
„Manche Geschenke sind eben total verpeilt.“ Die Kreativität zuckte mit den Schultern. „Das kann passieren, da machst du nix. Hab ich auch schon geschafft, war wohl übermotiviert.“ Ihre Wangen überzogen sich mit einem rosigen Hauch.
Der Moderator wandte sich ans Publikum.
„Sie dürfen sich gerne beteiligen. Anmerkungen zum Umgang mit Geschenken? Ja, dort drüben ist eine Meldung. Bitte stellen Sie sich kurz vor.“
In der zweiten Reihe erhob sich jemand – dunkles Jackett, roter Schal, kurze, graue Haare, Hornbrille – und wartete, bis ein Mikrofon durchgereicht wurde.
„Ich heiße Paula Ehrlich, bin freischaffende Künstlerin. Ich erwarte, dass mein Gegenüber mir eine aufrichtige Rückmeldung gibt, was sie oder er von meinen Werken halten. Alles andere bringt mich nicht weiter. Entsprechend bin ich dafür, offen und ehrlich zu sagen, wie es mir mit einem Geschenk geht. Das bedeutet nicht rücksichtslos oder unhöflich zu sein.“
Sie schaute sich im Saal um.
„Ich fände es verlogen, wenn ich Begeisterung heuchele, obwohl ich das Teil nicht mag, nicht brauche, es vermutlich ganz hinten in einem Schrank verschwinden lasse, sobald ich alleine damit bin. Ich bedanke mich natürlich, sage aber freimütig meine Meinung. Und hoffe darauf, dass der Schenkende nicht beleidigt ist.“
Sie deutete eine Verbeugung an und setzte sich.
Respekt, dachte Nicola, das muss man sich erstmal trauen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s