Zweifel


 

Aus einer der hinteren Reihen meldete sich ein Herr mit schwarzem Filzhut, die Krempe tief in die Stirn gezogen.
„Meine Frage wäre: Brauchen wir Weihnachten überhaupt noch?“ Trotz Mikrofon sprach er leise und zögernd. „Entschuldigung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Ernst Skeptik. Ich bin viel unterwegs um diese Jahreszeit. Und ich sehe Tag für Tag, was aus dem Fest geworden ist. Die einen nutzen die Gelegenheit, um sich mit der ganzen Familie zu treffen. Das könnten die Leute aber auch ohne geschmückte Tanne im Wohnzimmer tun. Oder lassen, denn Weihnachten führt bei vielen zu Streitereien, weil die Erwartungen so hochgeschraubt sind. Andere wiederum sind alleine und spüren ihre Einsamkeit am Heiligabend besonders schmerzlich.“
Er schluckte und räusperte sich.
„Die Geschäfte quellen über vor Festlichkeit und Glitzerwerk. Zum Fest nur vom Besten. Das Essen muss herausragend sein, der Wein exquisit. Und die Geschenke erst. Haben Sie sich die Schaufenster mal angesehen? Luxus – oft auch nur vermeintlicher – leuchtet überall. Man gönnt sich ja sonst nichts, oder? Aber was ist mit den Menschen, die sich all das nicht leisten können? Die kaum genug haben für den ganz normalen Alltag?“
Wieder verstummte er. Das Mikrofon verstärkte einen Seufzer.
„Ich weiß nicht“, fuhr er fort, als im Saal die ersten unruhig mit den Füßen scharrten, „ich weiß nicht, ob wir so weitermachen dürfen.“
Er zuckte mit den Schultern und setzte sich.
Hinter Nicola winkte nun Adele Hoffnung um Aufmerksamkeit. Die alte Dame hatte vor Aufregung rosige Wangen, als sie das Mikrofon mit beiden Händen umklammerte.
„Ach herrjeh, die Technik. – Ich hoffe, Sie können mich gut verstehen.“ Im Lautsprecher zischte und knackte es und Adele hielt das Mikrofon ein paar Zentimeter von ihrem Mund weg.
„In unserer Zeit – da stimme ich dem Herrn zu – ist die Bedeutung von Weihnachten unter all dem Ballast verschüttet, den wir dem Fest aufgeladen haben. Aber sie ist noch da, wir müssen sie nur hervor holen. Und vielleicht ist es genau das, was wir hier und heute Abend machen, indem wir über das Schenken diskutieren. Ich bin da also ganz zuversichtlich.“

 

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