Grenzenlos

Wieder mal unterwegs. Wir rollen mit dem Wohnmobil über eine schmale Landstraße im äußersten Osten Österreichs, haben den Neusiedler See hinter uns gelassen. Rechts und links von uns Wiesen, gesäumt von einzelnen Bäumen und Buschreihen. Über uns ein dunstig-blauer Himmel. Vor und hinter uns kein Auto zu sehen, es ist Mittagszeit.
Ich mag dieses gemächliche Reisen, das Muße lässt, um beidseits des Weges Landschaft, Vegetation und Tierwelt wahrzunehmen. Die sanften Wellen der Weideflächen erinnern mich ans Meer. Der Wind lässt die Blätter der hohen Pappeln vor uns silbrig flirren und die Sonne wirft ihre Schatten als schmale Streifen über die Straße. Im Grasrand neben der Fahrbahn rosafarbene und blassblaue Tupfen: wilde Malven und Wegwarten. Die anspruchslosen Gewächse gedeihen auch oder gerade auf mageren Böden.
Auf einem Zaunpfosten hockt ein Bussard, späht von seinem Sitz nach Mäusen. Ein zweiter kreist hoch über einem brachliegenden Feld.
Die Straße zieht sich Kilometer um Kilometer durch die Weite. Der Asphalt, anfangs noch glatt und dunkel, wird grau-scheckig, rissig und unebener. Sonst ändert sich nichts. Irgendwann sehen wir vor uns die Silhouette eines Dorfes, geduckte Häuser, ein Kirchturm. Die Wiesen rundum werden zu Gemüsegärten. Dann das Ortsschild: Nyárliget. Wir sind in Ungarn.

Wie einfach es sein kann. Wie entspannt und problemlos, wenn Grenzen keine Grenzen mehr sind, die trennen. Wenn der Personalausweis genügt, um sich auf die Reise zu machen, um zu fahren, zu schauen, kennenzulernen.
Ich war schon einmal in Ungarn, das ist über dreißig Jahre her, damals vor dem Abitur. Studienfahrt nach Budapest. Lange vorbereitet, weil eine Reise in den Ostblock intensiver Formalitäten bedurfte. Jeder brauchte Reisepass und Visum. Die Anträge für die Visa füllten wir in der Schule gemeinsam aus. Name, Name des Vaters, Name der Mutter, Geburtsname der Mutter, Orte, Daten, so viele Informationen waren nötig. Die Anträge und Pässe gingen zur Ungarischen Botschaft in Düsseldorf. Bis wir sie wiederbekämen würde es dauern. Inzwischen weitere Vorbereitungen in der Schule. Referate zu Geschichte, Kultur, Leben. Ein paar Brocken Ungarisch lernen. Was heißt Bitte und Danke? Wie sage ich „Guten Tag“ oder „Auf Wiedersehen“? Und noch eine wichtige Vokabel: „Egészségére!, “ bedeutet „Prost“ – immerhin fuhren wir in ein Weinland und die meisten von uns waren volljährig.
Mit dem Zug rund zwanzig Stunden von Aachen ganz im Westen nach Budapest weit im Osten Europas. Irgendwann stand der Zug an der Grenzstation zwischen Österreich und Ungarn. Unsere Reisepässe und Visa hatten die Lehrer gesammelt für die Passkontrolle. Warten. Aus dem Abteilfenster auf den Bahnsteig schauen. Dort patroullierten Grenzsoldaten in Uniform, strenger Blick, das Gewehr geschultert. Für uns ein ungewohnter Anblick, bedrückend, ein bisschen unheimlich.
Wir wussten uns zu helfen, öffneten das Abteilfenster, begannen zu singen, das einzige ungarische Volkslied, dass wir kannten: „Az a szép, az a szép, akinek a szeme kék, …“
Und bildeten uns ein, die Blicke der Soldaten wären etwas weniger streng gewesen.

Damals Visumpflicht und bewaffnete Grenzer, heute eine offene Landstraße und Reisefreiheit. Und wie wird es morgen sein?
Wenn ich im Fernsehen Bilder sehe von neuen Grenzzäunen, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

* * * * *

Diese kurze Geschichte habe ich geschrieben für den Leseabend unserer Autorengruppe im November. Der Ungarn-Urlaub ist zwar schon eine Weile her, aber mir ging aufgrund der Nachrichten das Thema durch den Kopf.

 

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Nachbars Enten

Ich mochte sie schon immer, diese witzigen Laufenten, die hoch aufgerichtet in einem Affenzahn durch die Gegend rennen.
Seit dem Spätsommer hat ein Nachbar drei von ihnen und er hat einen offenen Garten. Die Enten nutzen ihren Freiraum und sind ausgiebig im Dorf unterwegs.
Regelmäßig statten sie uns einen Besuch ab, picken in der Wiese nach Engerlingen und Schnecken (oder was immer sie zur Zeit so finden) und haben nun auch unseren kleinen Teich entdeckt.
 

 
Das braune Tier ist der Erpel, die beiden weißen bzw. weiß-gescheckten sind die Enten.
Und anscheinend mögen sie, was auf dem Teich schwimmt: Nicht umsonst nennt man Wasserlinsen auch Entengrütze.
 

 
Während ich vom Wohnzimmerfenster aus fotografiere, betritt ein neuer Protagonist die Szene:
Kater Gaston entdeckt die Gäste, als er durch die Katzenklappe das Haus verlässt. Klar, dass er sich die aus der Nähe anschauen will.
 

 
Die Enten sind davon nicht so begeistert und verlassen – schwupps – das Wasser.
 

 
Und nun?
Nun passiert, womit ich nicht gerechnet hätte:
Angriff der Laufenten und Flucht des Katers.
 

 
Drei gegen einen, da ist Rückzug verständlich.
 

Gerade war PI

PI – der erste Buchstabe des griechischen Wortes perimetros – Umfang.
PI – die Kreiszahl.
PI – diese irrationale, transzendente Zahl mit ihren unendlich vielen Nachkommastellen.

Wir alle kennen sie aus der Schule.
Mathematik. Geometrie. Alle Berechnungen, die irgendwie mit Kreisen zu tun haben, brauchen Pi.
Der Taschenrechner kennt ganz viele ihrer Nachkommastellen, für eine ausreichende Genauigkeit im Alltag würden allerdings schon zwei oder drei ausreichen.

Und heute hatten wir zum ersten Mal neun Stellen.
Wie? Heute?
Heute ist PI-Day!
Weil heute der 14. März ist – in anderer Schreibweise 3-14.
Und wenn man jetzt noch Jahr, Stunde, Minute und Sekunde dazu packt, dann war um 9:26 Uhr und 53 Sekunden neun Stellen PI:
 
3,141592653

 

Vom Glück des Schneeschippens

Heute Morgen ist es draußen weiß, etwa drei Zentimeter dick.
Wir haben keinen Bürgersteig am Grundstück, also kann ich entspannt warten, bis es richtig hell ist. Dann ziehe ich eine leichte Fleece-Weste, Stiefel und Handschuhe an und packe die Schneeschaufel.
Strich um Strich schiebe ich das Pflaster frei. Zuerst den schmalen Weg und die kleine Treppe, dann den Bereich vor der Garage. Und weil die Luft so angenehm frisch ist, schließlich auch noch die Flächen rund ums Haus.

Der Schnee ist feucht und klebt an der Schaufel. Immer wieder muss ich sie mit der Kante auf die Steine stoßen, damit die schweren Klumpen abfallen. Mir wird warm; ich weiß schon, warum ich nur eine Weste übergezogen habe.
Strich um Strich schieben, umdrehen, aufstoßen, schieben.

Irgendwann merke ich, dass ich nicht nachdenke. Dass ich nur in dieser Bewegung bin: schieben, umdrehen, aufstoßen. Gleichmäßig, ruhig, meditativ.
Und dann beginne ich doch nachzudenken. Was macht das Schneeschieben mit mir?

Es ist anstrengend, vor allem, weil es taut und der Schnee zusammenpappt. Nach einer dreiviertel Stunde werden meine Arme schwer. Ich spüre, wie ich Bauch- und Rückenmuskeln anspanne und wahrscheinlich noch jede Menge anderer Muskelpartien. Ich habe hier also ein kostenloses Workout.

Mir wird warm beim Schneeschippen, der Kreislauf kommt in Schwung. Ich arbeite an frischer Luft, bekomme jede Menge Licht. Super Therapie gegen Müdigkeit und Winterblues.

Meine Bewegungen laufen gleichmäßig und konzentriert ab. Ich werde ruhig, meine Gedanken sind bei der Arbeit und bei nichts sonst. Im Hier und Jetzt, wie man so gerne sagt. Meditation und Stressabbau.

Schneeschippen erzeugt also ganz viele positive Effekte. Ich lächele und …

… es fängt an, wieder leicht zu schneien.

 

starke Natur

Erinnert ihr euch? Ende letzten Jahres habe ich euch ein paar Fotos gezeigt von Baumfällarbeiten in unserer Straße.
Nachdem die alten Fichten weg waren, sah der Hang so aus:
 

kahler Hang
 

Nachdem jetzt einige Monate ins Land gegangen sind, haben sich all die Gewächse, die unter den Fichten gekümmert haben, prächtig entwickelt. Schaut mal:

wieder grüner Hang
 

Ich bin immer wieder begeistert, wie die Natur Brachflächen erobert.
Auch wenn das bedeutet, dass meine Beete immer wieder von Un- – sorry – Wildkräutern erobert werden.
Was mir heute wie letzten Samstag reichlich Arbeit beschert hat. 😉

Radikal

Wir wohnen an einer „Anlieger-frei-Straße“, schmal, in zwei Kurven einen kleinen Berg hinauf, ab der Hälfte nur noch geschottert. Kein Durchgangsverkehr, aber manchmal verirrt sich ein Auto, das dem Navi blind folgt. Oder auch mal ein größeres Fahrzeug.

Gegen halb zwei mittags rumpelte ein Bagger hinter der Hecke vorbei, sandgelb durch die blattlosen Zweige schimmernd. Ich täuschte mich, er hatte sich nicht verirrt, er wollte genau hierher und hielt mitten auf dem Weg an.
Dann hob er den Arm, schwenkte seinen Greifer und packte die erste Fichte am Hang gegenüber. Es knirschte, schrappte, krachte – und der Greifer hatte den Baum auf halber Höhe abgebissen. Er ließ ihn auf den Weg fallen, reckte sich erneut, packte die nächste Fichte und fraß sich weiter.
Vom oberen Ende des Weges rollte ein kleinerer Bagger heran, packte die Stämme und zog sie fort.

An der Oberkante des Hangs winkte der Nachbar durch den neuen Freiraum. Ich lachte, winkte zurück und kurz darauf stand er neben mir, den Fotoapparat in der Hand.
„Wir wollten die alten Fichten endlich loswerden, ehe sie beim nächsten Sturm auf die Straße kippen“, sagte er. Ich nickte und holte ebenfalls die Kamera.
Eine Weile schauten wir gemeinsam zu, wie ein Baum nach dem anderen kontrolliert zu Boden fiel und abtransportiert wurde.
Als die Kettensäge zum Einsatz kam, saß ich wieder am Schreibtisch, hörte nur ihr schrilles Kreischen. Nach zwei Stunden war die Arbeit getan, der Hang leer und der Blick frei.

Ein paar Fotos von dieser Aktion habe ich für euch:

Baumfällarbeiten
Der Bagger rollt an.

 
Baumfällarbeiten
Der Greifer am Baggerarm.

 
Baumfällarbeiten
Auf geht’s.

 
Baumfällarbeiten
Als wär’s ein kleiner Zweig.

 
Baumfällarbeiten
Packen …

 
Baumfällarbeiten
… und hoch

 
Baumfällarbeiten
Abtransport.

 
Baumfällarbeiten
Und so sah der Hang anschließend aus.

Ob etwas daraus wird?

Heute habe ich meine Zimmerpflanzen gegossen, Verblühtes von den Weihnachtskakteen gezupft (die blühen bei mir nie Weihnachten, dafür immer um diese Zeit und im Frühjahr), braune Blätter von den Grünlilien entfernt.
Bei uns gibt es nur Pflanzen, die meine drastischen Pflegemaßnahmen vertragen: gründlich nass machen und dann wieder ewig trocken stehen lassen. Zu diesen unempfindlichen Schätzchen gehören die Klivien, die sich per Ableger auch noch vermehren.

 
Klivie
 

Vor einiger Zeit hat eine der Pflanzen nach der Blüte „Knubbel“ angesetzt, zwei Fruchtknoten waren befruchtet worden. Sie wurden dicker, färbten sich erst orange, dann rot. Und heute, als ich an die Stengel stieß, fielen sie ab.

 
Klivie
 

Die grünen Auswüchse sehen wie Möchtegern-Wurzeln aus, dachte ich mir. Also habe ich einen kleinen Blumentopf mit Erde gefüllt und die beiden „Knubbel“ eingepflanzt.
Und jetzt bin ich gespannt, ob daraus etwas wird.

 
Klivie
 

Ich werde berichten.

Weltspartag

Mein Sparschwein war eine Porzellankatze, weiß mit blau-buntem Muster und einem Schloss unter den Pfoten. Sie steht noch heute in einem Regal im Gästezimmer.
Geöffnet wurde sie einmal im Jahr, direkt vor dem Weltspartag. Kupferpfennige, Messinggeld, auch ein paar silberne Münzen kullerten auf den Tisch, wurden sortiert, gestapelt und gezählt. Und am nächsten Tag in die Schule getragen, zusammen mit dem roten Sparbuch.

Eine Stunde war reserviert für den netten Herrn von der Sparkasse, der mit einer großen Tasche voller Kleinteile in unsere Klasse kam. Wer eingezahlt hatte, durfte sich etwas aussuchen, ein Plastikauto, einen Spitzer, eine Kunststofffigur.

Oder ein paar Sammelbildchen. Die Dinosaurier hatten es mir sofort angetan und ich hortete Brontosaurus, Stegosaurus und natürlich Tyrannosaurus Rex. Zu den Bildern gehörte ein Album, das meine Mutter unbedingt besorgen musste. Titel: „Erde und Weltall“, darin Platz für alle Sammelbilder und viele Informationen zur Entstehung der Erde, der Entwicklung auf unserem Planeten und in unserem Sonnensystem. Genau wie die Sparkatze habe ich auch dieses Buch noch im Regal stehen.

Weltspartag – was machen Kinder heute an diesem Tag?

Der Zwei-Stunden-Kuchen

Morgen ist der vierte Freitag im Monat, morgen ist „Treffpunkt Kaffeetafel“. Heute wird also gebacken für die Runde munterer Seniorinnen, die sich freuen, den Nachmittag fröhlich plaudernd zu verbringen und dabei mit Kaffee und Kuchen bewirtet zu werden.
Früher habe ich jedes Wochenende einen Kuchen gezaubert, mal einen Käsekuchen, mal eine Biskuitrolle, Puddingstreusel oder Donauwellen. Hin und wieder Buttercremetorte. Ich liebe Buttercreme, liebe es, wenn sie richtig süß und schwer ist mit einem Hauch Frucht in der untersten Schicht.
Inzwischen ist das Backen seltener geworden. Nicht wegen der Kalorien. Die finden mich auch auf anderen Wegen. Es lohnt einfach nicht, wenn man zu zweit ist. Die Kaffeetafel ist eine gute Gelegenheit, nicht aus der Übung zu kommen. Und wenn etwas übrig bleibt, können wir das am Sonntag genießen.

Seit fast zwei Wochen ist Winter, Schnee und Eis, grauer Himmel und bittere Kälte am Morgen. Mein Fahrrad steht wohl verwahrt in der Garage, eingekauft wird nur einmal in der Woche mit dem Auto. Und beim letzten Einkauf habe ich an alles gedacht, nur nicht ans Backen.
Ich stehe in der Küche und grübele: Was geben Kühlschrank und Vorratskammer her für einen Kuchen, den ich den verwöhnten Damen anbieten kann?
Mehl, Zucker, Eier, Margarine und Butter – alles da für einen ordentlichen Teig und für Streusel. Ein Päckchen Quark – zu wenig für einen Käsekuchen. Äpfel – das wäre lecker. Aber welche Variante soll es werden? Ich blättere in meiner Rezeptsammlung und stoße auf Apfel-Riesling-Kuchen. Eine angefangene Flasche trockener Weißwein harrt im Kühlschrank auf Verwendung, das passt.

Zeit habe ich, muss mich nicht eilen. Eile ist nicht gut, wenn man backen möchte. In Eile passieren Fehler. Zucker wird mit Salz verwechselt, die Eier landen beim Aufschlagen auf dem Boden, der Herd wird auf die falsche Temperatur eingestellt. Ich denke lieber nicht weiter darüber nach.
Ich bereite in aller Ruhe einen Mürbeteig zu. Mehl, Zucker, Margarine und Ei verkneten und in den Kühlschrank legen. Dann die Streusel, ebenfalls kurz kneten und in den kühl stellen. Zu Bröseln rühre ich sie nachher mit dem Mixer.
Ich schäle die Äpfel einen nach dem anderen, schneide sie in Viertel, die Kerngehäuse heraus und alles in dünne Scheibchen.
Und jetzt die Weincreme. Der Riesling wird erhitzt und mit dem angerührten Puddingpulver und reichlich Zucker zum Kochen gebracht. Die Creme wirft Blasen wie ein Schlammgeysir, der gleich ausbrechen will, und wird durchscheinend. Ich gebe die Apfelstücke dazu und ziehe den Topf vom Herd.
Der Mürbeteig lässt sich gut ausrollen, ich kleide eine Springform mit ihm aus, ziehe den Teig am Rand hoch. Die Apfel-Riesling-Masse ergießt sich aus dem Topf und breitet sich zwischen den Teigwänden aus. Zum Schluss krümele ich die Streusel auf die Oberfläche, schön gleichmäßig verteilt.

Der Backofen ist auf Temperatur, ich öffne die Tür, hebe die Form hoch und stelle sie auf den Rost. Will sie auf den Rost stellen. Sie schwebt halb im Ofen, halb noch über der aufgeklappten Ofentür, da löst sich der Boden der Springform unter dem Gewicht der Füllung. Ich halte den Rand in der Hand, während sich Teig, Äpfel, Rieslingcreme und Streusel im Ofen ausbreiten. Ein leichtes Karamellaroma zieht in meine Nase, als ich hektisch den Ofen ausschalte. Ich fluche. Fluche laut und heftig. Schimpfe mit der blöden Backform, mit mir, mit der Welt. Dabei versuche ich so schnell wie möglich, die Sauerei auszuräumen und die Äpfel zu retten.

Ich erspare euch die Details, nur so viel: Rieslingcreme ist verdammt glitschig und klebt wie Tapetenkleister.
Die Apfelstücke landen in einem Sieb und werden unter fließendem Wasser von matschigen Teigresten befreit. Die nächste Viertelstunde verbringe ich damit, die Küche wieder arbeitsfähig zu machen. Und überlege fieberhaft, was jetzt aus dem Kuchenprojekt wird. Zutaten für Mürbeteig habe ich noch, aber der Wein ist alle. Da fällt mir ein altes Rezept von meiner Oma ein.
Neuer Mürbeteig, neues Puddingpulver. Dieses Mal mit Milch gekocht. Äpfel und Pudding mischen. Eischnee schlagen und Crème fraîche unterrühren (bei Oma war’s noch saure Sahne).
Aber worin backen? Die Unglücks-Backform rühre ich garantiert nicht mehr an. Ich finde meine Obstkuchenform, etwas größer im Durchmesser als die Springform, dafür mit flacherem, schrägen Rand. Überzeugender Vorteil: Sie besteht aus einem Stück.
Backpapier her, Teig ausrollen, Füllung rein, Eischnee-Sahne-Guss darüber und ab in den Ofen. Tief durchatmen. Und nicht vergessen, den Kurzzeitwecker zu stellen.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir: Ich habe geschlagene zwei Stunden damit verbracht, einen simplen Apfelkuchen zu machen.

 

Landpartie: lehrreich und lecker

Verblüffend, wie die Stadt sich mit zweimaligem Abbiegen in ein Dorf verwandelt. Kaum haben wir die intensiv bebaute und wirtschaftlich genutzte „Aggerschiene“, die Talstraße verlassen, finden wir uns zwischen alten Siedlungshäuschen und großen Gärten. Kurz dahinter öffnen sich Wiesen, von Viehzäunen durchzogene Hänge, kleine Waldflächen auf den Kuppen. Wir parken neben einem Haus mit verschiefertem Giebel und grünen Schlagläden, folgen einer Hinweistafel einen Feldweg entlang zum großen Stall.

Offen, luftig, einladend. Vorne links ein Gatter mit drei braunen Schafen, dahinter zwei ebenfalls braune Kühe, rechts Platz für Pferde und heute für die Gäste: Bierzeltgarnituren, Tische mit Gläsern und Tellern, daneben Getränkekästen. Ein paar Fliegen kreisen im Sonnenlicht. Öko-Aktionstag auf dem Klosterhof Bünghausen.

 

 
Mein Schatz und ich sind seit einigen Jahren Mitglieder im internationalen Verein „Slow Food“. Ich habe früher schon mal davon erzählt.
Bei der Gegenbewegung zum Fast Food geht es nicht nur ums Genießen, sondern vor allem auch darum, dass wir bewusster mit den Lebensmitteln umgehen. Regionales und Saisonales stehen im Vordergrund, Biodiversität, Erhalt alter Tierrassen, Pflanzen und alter Rezepte. Immer wieder werden Produzenten besucht, so auch bei dieser Landpartie.

 

 
Während wir einen Apfel-Secco aus einer benachbarten Saft-Kellerei verkosteten, wurden wir vom Hofherrn Peter Schmidt, seiner Frau Susanne Schulte und Bernward Geier vom Slow Food-Convivium „Bergisches Land“ begrüßt. Peter Schmidt erzählt, wie er zum Nebenerwerbs-Landwirt wurde und warum er gerade einen Arche-Hof hat und biologisch arbeitet.
Dann geht’s auf eine kleine Runde zu den Weiden.

 

 
Zuerst besuchen wir die braunen Bergschafe und ihre Lämmer. Die Tiere gehören zu einer gefährdeten Rasse, deren Überleben durch die Zucht auf diesem wie auf anderen Arche-Höfen gesichert werden Soll. Sie sind robust, haben mit den steilen Weiden und dem Regen im Bergischen Land keine Probleme.

 

 

 
Als nächstes begegnen wir den „Abtenauern“, den kleinsten Kaltblütern im deutschen Sprachraum. Eigenlich heißen sie Noriker vom Abtenauer Schlag (also von der Unterart), stammen aus dem Salzburger Land und sind besonders trittsicher, wurden traditionell als Saum- und Tragepferde verwendet. Inzwischen ist die kleine Form fast ausgestorben, weil die Zuchtziele immer mehr zu großen Tieren ging.

 

 
Gleich gegenüber zieht Rotes Höhenviel über die Weide.

 

 
Die typische Mittelgebirgsrasse war auch im Bergischen früher zuhause; ein Rind, das sowohl Milch als auch Fleisch lieferte, die Ochsen liefen vor den Karren und arbeiteten auf dem Feld. Im Laufe der Zeit spezialisierten die Bauern sich, die Rassen wurden entsprechend gezüchtet und diese hübschen Tiere konnten nicht mehr mithalten. Dabei sind sie robust und pflegeleicht, was inzwischen wieder geschätzt wird.

 

 

 

 
Wir wandern zurück, denn Kaffee und Kuchen rufen uns in den Stall.
Dann zeigt uns Susanne Schulte, was aus der Wolle der Bergschafe werden kann.
Nach Waschen in Regenwasser und Kardieren (Kämmen) der Wolle, kann sie gesponnen werden. Die älteste Methode ist die Handspindel.

 

 

 
Bequemer und schneller geht‘ es natürlich mit dem Spinnrad.

 

 
Wir greifen in die Wolle, fühlen das natürliche Wollfett Lanolin, das die Haut weich macht, staunen über den stabilen Faden, den schon die Handspindel erzeugt. Alte Techniken faszinieren immer wieder.
Doch die Chefin räumt ihr Material zur Seite, denn nachdem wir das Vieh auf der Weide bewundert haben, sollen wir von seinem Fleisch kosten. Vorab erzählt der Metzger, mit dem der Klosterhof zusammenarbeitet, mit großer Begeisterung vom vielfältigen Fleisch, das ein Rind liefert.

 

 
Verwerten könne man alles vom Rind, darum wäre es so bedauerlich, dass viele Kunden – privat oder Restaurants – nur bestimmte Stücke einkaufen. Ein Rind hätte nun mal nur zwei Filets, dafür aber auch Keulen- und Schulterbraten, aus denen man wundervolle Schmorgerichte zubereiten könne. Er hat extra für uns eine Sonntagsschicht eingelegt und einen großen Topf Gulasch sowie einen Burgunderbraten gekocht, den wir uns nun ausgiebig schmecken lassen.

 

 
Am frühen Abend verabschieden wir uns schließlich mit einem Blick über die bergischen Wiesen. Wie schön, in einer Gegend zu leben, die solche engagierten Menschen birgt.